Historia interculturalis

 

« Fenêtre »

Takashi Naraha

Clermont-Ferrand

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Fremde Nachbarn...?

 

 

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16.10.2005

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>>Frankreichbild

 

Das Frankreichbild im Dritten Reich

von Wolfgang Geiger

Vortrag an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main 18.5.2000.

Zusammenfassung wesentlicher Thesen der französischen Dissertation von 1996.

 

 

>>Exil

Zwischen Gott und Teufel. Das Frankreichbild deutscher Schrift­steller im französischen Exil

von Thomas Lange

Vortrag an der Universität Heidelberg 1992, veröffentlicht 1994.

 

 

>>Polen

Erlebte Geschichte. Ein Entwicklungsbericht über (fast) 20 Jahre deutsch-polnische Jugendbegegnungen

Wiesława Kicińska, unter Mitarbeit von Thomas Lange

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2000 by the author.

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Kontakt W. Geiger

 

 

 

 

[1] An der systematischen Aufarbeitung der Fachgeschichte der Romanistik im Dritten Reich ist v.a. Frank-Rutger Hausmann federführend beteiligt, siehe bibliographischen Anhang.

Wolfgang Geiger

Das Frankreichbild im Dritten Reich

 

Die Beschäftigung mit deutsch-französischen Stereotypen ist schon sehr alt, sie ist eigentlich so alt wie die Stereotypen selbst oder jedenfalls so alt wie jene, die von gebildeten und sogar gelehrten Köpfen beiderseits des Rheins geschaffen oder gepflegt wurden. Das Bild vom jeweiligen Nachbarn und von sich selbst im System einer antinomischen Gegenüberstellung, wie es Hans Manfred Bock benennt, wurde wesentlich mit geprägt durch das scheinbar verzerrte Bild, das der Nachbar von einem selbst hatte, und so ist die deutsch-französische Stereotypenbildung natürlich ein wechselseitiger dialektischer Prozess, der die jeweilige Identität in der Abgrenzung vom anderen suchte und das »Positive« in dem, was der Gegner als »negativ« ansah.

Die wissenschaftlich-kritische Aufarbeitung jener Stereotypenbildung, die der Kom­paratist Hugo Dyserinck seit mehr als 20 Jahren unter dem Begriff Imagologie zu einer interdisziplinären Forschungsrichtung ausgebaut hat, setzt also erst mit der Kritik am eigenen Bild vom anderen ein und begann wohl in Frankreich, v.a. in der französischen Germanistik, mit dem Ziel, die Perpetuierung des Feindbildes in der Siegerpose nach 1945 aufzubrechen, die entstehende deutsch-französische Freundschaft kulturwissen­schaftlich zu begleiten und eben auch Selbstkritik an der politischen Rolle der franz­ösischen Germanistik in der Vergangenheit zu üben. In diesem deutsch-französischen Klärungsprozess haben auch deutsche Romanisten und Historiker seit langem an der Aufarbeitung der Deutschland/Frankreich-Bilder mitgewirkt, jedoch lange auch unter weitgehender Aussparung des düstersten Kapitels der eigenen Fachgeschichte. [1]

Vortrag an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main 18.5.2000.

Es handelt sich um eine Zusam­men­fas­sung meiner fran­zö­sischen Dissert­ation von 1996, die bei Humanities Online erschienen ist, mehr dazu auch Öhier

 

Die deutsch-französischen Kolloquien und wissenschaftlichen Begegnungen aller Art zum Thema deutsch-französische Beziehungen sind schon beinahe zu einem zwanghaften Ritual geworden, die Liste der erschienenen Titel ist stattlich, doch thematisch seltsam ungleichgewichtig verteilt: Die Epoche des Dritten Reiches und v.a. die Kriegszeit ist weitgehend eine terra incognita der imagologischen Forschung geblieben, jedenfalls von deutscher Seite, wo sonst fast alle Epochen und allen voran die der Weimarer Republik, wenn auch noch lange nicht erschöpfend, so doch gut erforscht sind. Dies ist in doppelter Hinsicht paradox: Denn zum einen gab es weder vorher noch nachher ein Jahrzehnt, in dem auch nur annähernd so viele Bücher über Frankreich erschienen sind wie nach 1933 – weit über 200 Titel, selbst wenn man die Kriegsberichte beiseite lässt –, und zum anderen ist von französischer Seite und aus französischer Perspektive her keine Epoche der deutsch-französischen »Begegnung« – wenn man das so nennen kann – besser erforscht als die Zeit der Okkupation und Kollaboration, aber eben nur von der französischen Seite her. Die deutsche Forschung hat sich erst seit einigen Jahren und insgesamt noch recht zögerlich der Aufarbeitung der kulturellen Dimension der deutschen Besatzung Frankreichs angenommen.

 

 

Als ich meine eigene Arbeit zu diesem Thema in Angriff nahm, vor etwa zehn Jahren, gab es, soweit ich dies eruieren konnte, keine einzige über isolierte Detailfragen hinausgehende Untersuchung über das Frankreichbild im Dritten Reich und schon gar nichts diesbezüglich über Krieg, Besatzung und Kollaboration. Es gab wohl Publikationen zum politischen Aspekt im strengen Sinne und in diesem Rahmen auch Untersuchungen über führende Akteure wie den deutschen Botschafter Otto Abetz und seinen Kulturbeauftragten Karl Epting, doch waren diese Analysen quasi funktio­nalistisch auf das Wirken dieser Persönlichkeiten reduziert, niemand schien sich bislang zu fragen, was sie, und mit ihnen Hunderte, wenn nicht Tausende von weiteren Akteuren und Autoren, Deutschlektoren an französischen Universitäten, Journalisten, Romanisten, Historikern und anderen Akademikern, ja und auch Soldaten, eigentlich über Frankreich dachten und schrieben.

 

 

Hans Manfred Bock überspringt faktisch die Epoche des Drittens Reiches in seinem Überblick über »Tradition und Topik des populären Frankreich-Klischees in Deutschland von 1925 bis 1955«, und vielleicht liegt ja in der von ihm getroffenen Feststellung, dass sich bisher niemand dieser »qualvollen Aufgabe« einer Analyse der »nationalsozialistischen Frankreichliteratur« stellte, auch die Erklärung für seine eigene diesbezügliche Zurückhaltung. Zu Unrecht geht er wohl von einer Gleichschaltung der Literatur aus, die deren Analyse uninteressant mache – mit einer Ausnahme, nämlich einem Autor namens Paul Distelbarth, der aus dem Rahmen fiel, und dem sich Bock deswegen seit Jahren in mehreren Publikationen besonders angenommen hat.

 

 

In Wirklichkeit konnten jedoch innerhalb relativ weit gezogener Grenzen durchaus unterschiedliche, ja sogar konträre Einschätzungen über Frankreich und die Franzosen erscheinen, und dabei sogar konträr gerade in politischer Hinsicht: für die Vorkriegszeit Verurteilungen oder Belobigungen der Volksfront zum Beispiel oder später diametral entgegengesetzte Auffassungen vom Anteil Frankreichs an der »Kriegsschuld« 1939 – wobei die meisten Autoren der Formel des »englischen Krieges« anhingen, in den sich Frankreich habe hineinziehen lassen. Der von Hans Manfred Bock eingehend biographisch untersuchte Fall des Außenseiters Paul Distelbarth, nach Friedrich Sieburg der wichtigste »Frankreichexperte« jener Zeit (nach dem Kriterium der Auflage seiner Bücher), zeigt gerade, dass die Zensur nicht bei dem von ihm vermittelten Frankreichbild intervenierte, sondern nur bei dem, was im seinem Buch über Deutschland ausgesagt wurde. Natürlich gab es auch eine »nationalsozialistische Frankreichliteratur« im engeren Sinne, hier sind v.a. die sogenannten »rassenkundlichen Untersuchungen« zu nennen, von denen ich hier nur die beiden im bibliographischen Anhang genannten Werke von Bernhard Pier und Ewald Mangold erwähnen möchte. Wer jedoch meint, in diesen Publikationen ginge es vorwiegend um die »Judenfrage« oder um die Präsenz von Afrikanern in der französischen Armee – ein in der Tat beliebtes Thema seit dem 1. Weltkrieg –, der täuscht sich, diese Themen sind in jenen Abhandlungen fast schon nebensächlich gegenüber dem schon seit dem 19. Jahrhundert von französischen und deutschen Rassentheoretikern als viel gravierender gewerteten Vorgang der »Wandlung des französischen Volkes zur Rundköpfigkeit« (Mangold) ...!

 

[2] Die politische Argumentation legitimiert den Krieg im Wesentlichen im politischen Kontext der damaligen Zeit als Revanche für den 1. Weltkrieg und Revision von Versailles; die historische Argumentation reiht den neuen Konflikt in die Geschichte des deutsch-französischen Gegensatzes (»Erbfeindschaft«) seit dem 17. Jahrhundert oder sogar seit der Teilung des Frankenreiches ein; die ideologische Argumentation sieht den erneuten Krieg als weltanschaulichen Konflikt zwischen Faschismus und Demokratie mit dem Ziel der weltgeschichtlichen Revision der Revolution von 1789 und ihrer Werte.

Solche »rassenkundlichen« Werke oder auch rein ideologisch-propagandistische Schrif­ten stellen jedoch eine Minderheit im Corpus der erschienenen Publikationen dar, nicht nur für die Phase bis 1938/39, als die offizielle Außenpolitik bewusst einen Kurs des Arrangements mit Frankreich suchte oder dies zumindest vorgab, sondern selbst noch für die Kriegszeit 1939/40: teilt man die Lawine der als Kriegspropaganda erschie­nenen Schriften nach dem jeweiligen Paradigma der Argumentation in drei Gruppen ein: primär politisch, historisch oder ideologisch argumentierende Titel, so sind auch hier die letztgenannten zwar zahlenmäßig stark vertreten, aber keineswegs die Mehrheit aller Publikationen. [2]

Freilich diente auch der »nur« politisch oder historisch argumentierende Nationalismus der Politik Hitlers, dem Krieg und im Weiteren auch den offenen oder geheimen Zielen der nationalsozialistischen Politik, auch im Hinblick auf eine zukünftige Revision der Grenze mit Frankreich, wie Karen Schönwälder dargelegt hat. Doch auch nach dem Waffenstillstand 1940 standen noch konträre Bewertungen des besiegten Frankreichs bzw. des Vichy-Regimes neben- und gegeneinander, sowie höchst unterschiedliche Auffassungen von Sinn und Möglichkeit der Kollaboration vor dem gemeinsamen Hintergrund der Genugtuung darüber, dass Deutschland nun den Ton in Europa angab.

Also: natürlich kein Pluralismus im Sinne eines freien Meinungsaustausches, aber auch keine monolithisch gleichgeschaltete Literatur über Frankreich.

 

 

Der Sonderfall des Vermittlers Paul Distelbarth, der nach eigenen Angaben 1933 ins Exil nach Frankreich ging, dort bei den Kriegsveteranenverbänden für Frieden und Aussöhnung warb, in Deutschland anfänglich nicht ohne Schwierigkeiten, aber dann in mehreren Auflagen sein Buch Lebendiges Frankreich veröffentlichen konnte, verdiente hier eine ausführlichere Erörterung, als im vorliegenden Rahmen möglich ist. Ähnlich wie Sieburgs Buch, auf das ich gleich eingehen werde, weist auch die französische Ausgabe von Distelbarths Werk – France vivante – einschneidende Veränderungen gegenüber dem deutschen Original auf: an die Adresse des französischen Lesers wirbt Distelbarth mehrfach und eindeutig für das »neue Deutschland«, die »nationale Revolution« von 1933 und das nationalsozialistische Regime, dessen »Schreckensh­errschaft« er durch einen geschickten Vergleich mit der französischen Revolution rechtfertigt, indem er von den Franzosen, denen er begegnet ist, erzählt: »Ils disent: Nous aussi, nous avons connu la Terreur.«

 

 

Wer sich mit dem Frankreichbild im Dritten Reich befasst, muss freilich mit Friedrich Sieburg beginnen. Als einzigem galten ihm und seiner Frankreichdarstellung bislang fundiertere Untersuchungen. Obwohl bereits 1929 erschienen, prägte kein anderes Buch so sehr das Frankreichbild der Deutschen auch nach 1933 wie Gott in Frankreich? Kurz vor dem zweibändigen Werk von Ernst Robert Curtius und Arnold Bergsträsser erschienen, das als letztes großes Werk der universitären Frankreichkunde gelten kann, brach Sieburg einer populari­sierenden, politisch intentionierten und journalistisch geschriebenen Frankreich­darstellung die Bahn, auf die unzählige weitere Bücher dieser Art folgen sollten, die jedoch, soweit ich dies überprüfen konnte, allesamt schlechter sind als Sieburgs Buch, das man übrigens durch ein zweites von ihm, weit weniger bekannt aber politisch weit kompromittierender für ihn, ergänzen muss, nämlich Es werde Deutschland .

 

 

Gott in Frankreich? ist auch heute noch für jeden, der sich mit Frankreich und dem deutschen Frankreichbild befasst, ein unhintergehbares Paradigma journalistischer Präsentation des Nachbarlandes. Fast möchte man sagen: Ohne Friedrich Sieburg kein Ulrich Wickert... In Deutschland etablierte sich eine bis heute anhaltende Hegemonie des Journalismus in der Frankreichdarstellung, ganz im Gegensatz zu Frankreich, wo nahezu alle Bücher über Deutschland – und seit 1989 gab es davon wieder eine regelrechte Lawine – von Akademikern geschrieben werden: Germanisten, Historikern, Politologen.

 

 

Während die universitäre Frankreichkunde bis zuletzt, d.h. bis zu Curtius, sich vorwiegend auf schriftliche Quellen stützte, und darunter meist auf literarische, um Züge des vermeintlichen französischen Nationalcharakters aufzuspüren und zu erklären und dabei zwar nicht ideologiefrei, aber doch den Grundsätzen der Philologie verhaftet blieb, konnte Sieburg als Auslandskorrespondent der Frankfurter Zeitung in Paris Aktualität und Alltag der Franzosen präsentieren und dabei fatalerweise – dies gilt freilich für den Journalismus generell – von einer Authenzität der Beobachtung profitierten, die per se keinerlei Garantie für Wahrheit verbürgt, aber gleichwohl mit dieser gleichgesetzt wurde – und wird! Während die Interpretation des Philologen immer der Kritik ausgesetzt bleibt, ist die vermeintliche Zeugenschaft des Journalisten vor Ort unantastbar. Wie könnte man seine Darstellung, sein Urteil widerlegen? Die beinahe »magische« Kraft, die Sieburgs Buch ausstrahlte, entsprang der Verbindung zwischen seiner in der Tat bemerkenswerten Beobachtungsgabe und seinem unübertroffenen literarisch-journalistischen Stil. So bleiben denn dem Leser auch v.a. die literarischen, mit feiner Ironie gewürzten Skizzen über den französischen Alltag im Gedächtnis, während Sieburgs Anliegen doch im Grunde ein politisches war. Beides ist freilich subtil miteinander verwoben. Ein Auszug aus dem Abschnitt »Ein Volk in Waffen« mag dies illustrieren:

 

 

»Am letzten Sonntag wurde in Frankreich die Jagd eröffnet, was zu einer Massenerhebung des Volkes führte. Die kleineren Beamten der Ministerien, die Inhaber von Tabakbüros, die Nutznießer bescheidener Jahresrenten, sie alle rüsteten sich mit Ledergamaschen aus, hingen sich netzartige Jagdtaschen mit langen Fransen um, schnallten braune Patronengurte an, drückten sich einen verwegenen Filz auf den Kopf und griffen zur Büchse. Was ein Jäger ist, hat man bei uns schon lange vergessen, in Frankreich weiß man es noch, denn jeder ist ein Jäger oder besser ein Jägersmann mit einem Schießgewehr das Piffpaff macht und mit Pulver und Blei geladen wird. Von Beauvais bis Mantes, von Etampes bis Meaux ging heißa das fröhliche Jagen, und die Ränder der großen asphaltierten Landstraßen, die zum Entzücken der Autofahrer kreuz und quer das Land durchschneiden, waren eingesäumt von einem Volk in Waffen, in Schrotwaffen allerdings. [...]

 

 

Die Bewaffnung des Pariser Volkes zur Eröffnung der Jagd war eine Friedens­kund­gebung ersten Ranges. Man sah Vater und Mutter durch den nassen Acker schreiten, sie mit der Jagdtasche, aus der eine halbvolle Rotweinflasche hervorlugte, er mit dem Schießgewehr, das seinen kleinen, wie zum Flöten gespitzten Mund abwärts streckte. [...]Dieses Volk in Waffen hat etwas Liebenswertes, wenn es den Jägersmann spielt mit Piffpaff und Pulver und Blei. Dieser gänzliche Mangel an Strammheit, dies neidlose Verweilen vor dem Kaninchen des anderen, dieses beschauliche Schlendern durch herbstliche Gefilde ist so friedlich und nur von dem Wunsche beseelt, in Ruhe gelassen zu werden.

Mit ihnen ist es wie mit den Anglern an Marne und Seine. Da stehen sie nun in langen Reihen und halten ihre Schnur ins Wasser [...], und sie stehen Mann neben Mann mit friedlich hängenden Hosenböden, mit ihren Blecheimerchen, mit ihren Rotweinflaschen und nehmen alle drei Stunden einen fingerlangen Fisch behutsam vom Haken. O rühre, rühre nicht daran.

Ein Volk in Waffen? Ja, Sonntags!«

 

 

[3] Dank an Prof. Raimund Rütten, in der Diskussion daran erinnert zu haben.

Die hier anklingende politische Anspielung – nämlich die Ironisierung des »Geistes von Valmy«, der revolutionären Volksarmee [3] – führt uns unmittelbar zum eigentlichen, politischen Kern des Buches und im weiteren Sinne des Frankreichbildes der ausgehenden Weimarer Republik, das auch für das Dritte Reich bestimmend blieb. Sieburg macht sich über das von deutscher Seite als Wahn empfundene Sicherheitsbedürfnis Frankreichs lustig, sich mit allen Mitteln gegen eine deutsche Revanche und eine Revision der internationalen status quo zu schützen, hinter seiner Maginotlinie und mittels eines Systems internationaler Bündnisse und Deutschland aufgezwungener Fesseln – Stichwort: »Versailler Diktat« –, die Hitler schließlich eine nach der anderen sprengen sollte. Sieburg und alle Autoren nach ihm sahen darin eine Camouflage eigentlicher Schwäche, der Schwäche einer überalterten Zivilisation gegenüber einem vitalen, erstarkenden, jungen Deutschland. Sieburg prägte die Formel vom »statischen Frankreich« und »dynamischen Deutschland«, philosophisch zur Gegenüberstellung zwischen »Sein« und »Werden« überhöht, auch wenn er dies nicht wirklich erfand, sondern dabei wohl weit zurückgriff, nämlich auf Fichtes Darstellung des Gegensatzes zwischen romanisch-französischem und germanisch-deutschem Wesen in seinen Reden an die deutsche Nation 1808 an der Berliner Universität.

 

 

Das statische Frankreich versperrte sich laut Sieburg jeder Entwicklung Europas, es war überhaupt antieuropäisch weil egoistisch und nationalistisch, es wehrte sich gegen jede Veränderung, wollte Ruhe, also den status quo, um jeden Preis und war deswegen bereit, gegen jede Ruhestörung auch militärisch vorzugehen – oder vielmehr drohte es damit, denn in Wirklichkeit war die Mentalität des Durchschnittsfranzosen eigentlich gar nicht mehr bereit, selbst bei Gefahr zur Waffe zu greifen. Dies von Sieburg erstmals kohärent dargelegte politische Bild war oder wurde Konsens in Deutschland. In seinen spätereren Büchern verstärkte dies Sieburg nur noch, unter zunehmender Entfremdung von der sich verändernden politischen Realität in Frankreich, als er 1935 im Vorwort zur Neuausgabe – der sog. »Volksausgabe« – von Gott in Frankreich noch meinte, im kleinbürgerlichen Frankreich könne niemals die Linke an die Macht kommen, oder als er 1938 in Blick durchs Fenster Frankreich als ein von der politischen Bühne abgetretenes Land präsentierte.

 

 

Deutschland jedoch gehörte die Zukunft und mithin die Führerrolle in einem Europa der erwachenden Völker. Dies führte Sieburg dann v.a. in Es werde Deutschland aus, ein Buch, das die Redaktionskollegen der liberalen Frankfurter Zeitung schockierte (cf. v. Buddenbrock), doch ist dies bereits im letzten Kapitel von Gott in Frankreich? angelegt, das bezeichnenderweise mit »Frankreich als Widerstand« überschrieben ist. Widerstand gegen eine Frankreich zuwiderlaufende, außer Kontrolle geratene Entwicklung sei die letzte, verzweifelte Form des französischen Nationalismus, der sich zuvor offensiv seit Jeanne d’Arc in immer wieder wandelnder Form Europa und der Welt zuerst religiös, dann in humanistischer Verkleidung, als Menschenrechte, als Zivilisation aufgedrängt und aufgezwungen habe. »Begreifen, daß die Marseillaise die Gebete Johannas fortsetzt, heißt Frankreich begreifen« – einer von vielen Mark- und Merksätzen in Sieburgs Buch. Doch Johanna hatte ja ihrerseits an die Kreuz­zugsmentalität angeknüpft, die den Franzosen innezuwohnen scheint: »Jeder Franzose ist der geborene Kreuzfahrer, und diese Eigenschaft macht ihn heute manchmal zu einem ziemlich unbequemen Mitbürger Europas« – eine weitere jener apodiktischen Konklusionen Sieburgs, die oft nicht am Ende, sondern am Anfang eines Kapitels stehen und das Buch zum politischen Manifest machen, als das Sieburg es verstand, und dem sich alle anekdotischen und impressionistischen und ansonsten auch historisch oft zutreffenden Darstellungen einfügen. Frankreichs Nationalismus ist ein religiöser Nationalismus, so die zentrale These des Buches, der sich von den Gesta Dei per Francos des Mönches Guibert de Nogent als Rechtfertigung der Kreuzzüge über Jeanne d’Arc, den Absolutismus und das Jakobinertum bis ins 20. Jahrhundert zieht, wobei die Menschenrechtsidee von 1789 nur als die säkulare Variante des religiösen Missionsgedankens erscheint.

Diese Kritik erschien übrigens in der französischen Ausgabe Dieu est-il français? nur stark gekürzt, wodurch die eigentlich politische Intention des Autors kaum zur Geltung kam.

 

 

Woher kam aber nun die Erschlaffung Frankreichs? Für Sieburg, der auch hier ein Paradigma setzte, aus der Unfähigkeit, mit der wirtschaftlichen und damit auch der allgemein gesellschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten. 1938 resümierte dies ein anderer Autor, Johannes Stoye, so: »Französischer Geist und kapitalistische Wirtschaft sind unversöhnliche Gegensätze« und ergänzte dies durch die Formel von Bernhard Laum: »Der Franzose ist ein wägender, niemals aber ein wagender Kapitalist Es fehle den Franzosen, mit Max Weber gesprochen, an der protestantischen Ethik, die sich, mit Sieburg gesprochen, in Deutschland zum Soldatischen hin verdichtet habe. »Arbeit adelt nicht« in Frankreich, so eine Kapitelüberschrift bei Sieburg, der Franzose sieht in der Arbeit keine Seinserfüllung, ebensowenig wie in der Pflicht für die Gemeinschaft, er ist Individualist und strebt nach Muße. Ein anderer Autor, Valentin Schuster, formulierte es 1936 so: »Für den Franzosen ist das Leben Genuß, für den Deutschen Kampf. Sinn des Lebens auf der einen Seite: sorgloses Genießen; Opfer bringen auf der anderen Deswegen widersprächen sich auch offizielles Säbelrasseln der französischen Regierung und der tief verwurzelte Pazifismus des Durchschnittsfranzosen. Im Begriff der Opferbereitschaft, der Selbstaufgabe zugunsten der Gemeinschaft, kommen auch bei Sieburg Arbeit und Militarismus zusammen:

 

 

»Der unauslöschliche Haß, den der Franzose dem sogenannten deutschen Militarismus entgegenbringt, muß von diesem Punkte aus erklärt werden. Er deutet die Disziplin, die er am Deutschen beobachtet, als Sklavengesinnung, und nur in trüben Stunden, wenn er seiner holden Schlamperei überdrüssig ist, versteht er sie als eine positive Eigenschaft, die einem Lande, dessen einzigen Reichtum die Arbeitskraft, die Energie bildet, notwendig ist. [...] Militarismus ist für ihn eine Lust, sich unterzuordnen, sich des eigenen Wesens zu entäußern, den eigenen Rhythmus zugunsten des Marschtaktes preiszugeben und sich in eine möglichst exakte Maschine als namensloser Bestandteil einzufügen. Niemals kann er fassen, daß ein freier Mann Lust hat, sich mit Millionen in eine Einheitsfrisur zu teilen, deren saubere Geschorenheit, deren vernunftwidriger Scheitel [...] beschämende Erinnerung an Freigelassene hervorruft. [...].

 

 

Der Sinn des französischen Lebens ist um so leichter erkennbar, als er auf allen seinen Gebieten an die Oberfläche tritt. Keine Uniform, kein Abendkleid, sei es die Bluse des Arbeiters, sei es der Talar des Advokaten, vermag diesen Sinn zu überdecken. Aus allen Löchern und Falten schaut die Persönlichkeit hervor. Ein Pariser Briefträger an einem Sommertage bietet einen wahren Anschauungsunterricht. Die Art, wie er die Uniform aufgeknöpft, die Mütze in den Nacken geschoben hat und die Hose über das höchst eigenwillige Schuhzeug hängen läßt, verrät den Stolz eines Menschen, der sich keinen Augenblick als einen von zehntausend Beamten fühlt, sondern sich immer seines unangreifbaren Privatlebens bewußt bleibt. Die Uniform hat es in Frankreich nicht weiter gebracht, als daß sie, wenn sie freiwillig getragen wird, zur Spielerei dient und eine Art von sonntäglicher Verkleidung hergibt, wie z.B. bei den Feuerwehrleuten der kleinen Städte und Dörfer, wo Männchen mit blinkenden Helmen auf ausgezogener Leiter in den rosa Abendhimmel steigen.«

 

 

 

Unser Dilemma ist, dass wir solche Klischees nicht im Hinblick auf eine Wahrheit hin auflösen können, die einfach verfälscht worden wäre. Die Kunst der Stereotypen ist es ja, durch Übersteigerung, Generalisierung und schematische Gegenüberstellung ein Stück Wirklichkeit so zu verformen, dass daraus etwas anderes wird, ohne dass man eine genaue Grenze zwischen wahr und unwahr ziehen könnte. An dem letztgenannten Beispiel, das Sieburg in Es werde Deutschland noch bis zur Groteske weiterführt, wird deutlich, wie sich Fremd- und Eigenstereotypen und damit auch in der Konsequenz beide Nationalismen wechselseitig bestätigten: Beide Seiten sind sich ja darüber einig, dass die Deutschen militaristisch seien und die Franzosen nicht, lediglich die Bewertung des Militarismus – positiv oder negativ – differiert zunächst und damit verbunden auch seine Erklärung.

Am einfachsten läßt sich die Frage nach der Wahrheit am Beispiel des Klischees von Frankreich als einem »Land von Bauern, Handwerkern und Kleinbürgern«, wie es Johannes Stoye formulierte, beantworten. Wir haben hier den seltenen Fall, dass es dabei auch um verifizierbare sozioökonomische Fakten geht. Der Industrialisierungs­vorsprung, den Deutschland ohne Zweifel hatte, sowie die daraus folgende Umwälzung der Mentalitäten, eine größere Proletarisierung in Deutschland, hat die Entstehung des Mythos vom bäuerlich-kleinbürgerlichen Frankreich unterstützt, das allenfalls in Teilbereichen der Wirtschaft, v.a. im Rüstungsbereich, industrialisiert sei. Die Frage nun, ob diese angeblich halbindustrielle Wirtschaftsstruktur die kleinbürgerliche Men­talität der Franzosen zementiere oder umgekehrt sich diese Mentalität einer Industrialisierung verweigere, sich also auf der einen Seite gegen eine Proletarisierung und auf der einen Seite gegen eine kapitalistische Unternehmerethik sperre, wird von den Autoren meistens im Sinne des völkischen Ideologie beantwortet – die Wirtschaftsstruktur wird also aus der Mentalität abgeleitet –, einige aber ringen sich immerhin zur Analyse einer dialektischen Wechselwirkung durch. Als einziger unter allen von mir untersuchten Autoren liefert Paul Distelbarth eine wahre Hymne auf das bäuerliche Frankreich: Es ist ein bäuerliches Idyll, in dem es sich aufgrund des agrarischen Überflusses und des milden Klimas nicht nur gut leben lässt (hier wird expressis verbis der alte Mythos der douce France aktualisiert), sondern das v.a. auch aufgrund dieser Dispositionen keinerlei militärische Bedrohung für Deutschland darstelle. Distelbarths Frankophilie, die man ihm bei aller Kritik zusprechen muss, hat ihn dennoch nicht davon abgehalten, gelegentlich auch Kritik an dieser Zurückgebliebenheit auszudrücken, z.B. wenn er auf die Frage der Arbeitslosigkeit zu sprechen kommt:

 

 

»Sie könnte gelöst werden, wenn die Franzosen sich entschlössen, anstatt immer weiter mit eiserner Konsequenz Ersparnisse zu machen, im Gegenteil das Geld aus den Strümpfen hervorzuholen und auszugeben. Es würde sogar genügen, nach und nach alle ausländischen Arbeiter abzuschieben, die zahlreicher sind als die Arbeitslosen

In ganz besonderem Maße hebt Distelbarth hervor, dass es eigentlich gar keine französische Arbeiterklasse gebe, da alle Arbeiter Immigranten seien. Natürlich ist dies blanker Unsinn. Unbeschadet der nicht unbeträchtlichen italienischen und polnischen Arbeitsimmigration konnte damals ein Drittel der französischen Bevölkerung zum Industrieproletariat gerechnet werden, das war zwar weniger als in Deutschland, aber weit mehr als das, was all jene deutschen Frankreichexperten der damaligen Zeit auch nur annähernd zuzugeben bereit waren. In der Darstellung des ländlichen Frankreichs wurde im Übrigen auch ein Gutteil französischer Mythen übernommen, schon bei Arnold Bergsträsser in seinem bereits angesprochenen Gemeinschaftswerk mit Ernst Robert Curtius 1930: Wie in den meisten Gesamtdarstellungen dieser Art wurde darin die Macht der Tradition in Frankreich einerseits kritisiert, andererseits bewundert, der französische Zentralismus gegeißelt, dessen Sicht aber im Blick auf die französische Provinz übernommen, die halb mitleidig als zurückgeblieben, halb begeistert als romantische Idylle dargestellt wird:

 

 

»Im Leben der Provinz wird die Macht der Tradition am deutlichsten sichtbar. Nur wenig von dem modernen Betrieb des Fremdenverkehrs belebt, ist sie noch ebenso langweilig, anmutig und still, wie sie am Ende des 18. Jahrhunderts Thümmel auf seinen Reisen gesehen hat [...]. Kein vorwärtsstürmender, gläubig an den wirtschaftlichen Fortschritt sich hingebender Wahn hat hier Menschen und Landschaft umgeprägt, wie es in den Ländern geschehen ist, die die eigentlichen Träger der hochkapitalistischen Entwicklung sind

 

Eine Sicht der Dinge, die eben nur bedingt der Realität, aber sowohl gewissen französischen wie auch deutschen Klischees entsprach und worin sich einmal mehr die dialektische Bestätigung von Eigen- und Fremdstereotypen unter dem Paradigma der antinomischen Gegenüberstellung zeigt. Die Kritik an der Zurückgebliebenheit der französischen Provinz steigerte der Journalist Karl Korn, der Anfang der 30er Jahre Deutschlektor in Toulouse gewesen war, 1940 in Goebbels’ »Renommierzeitung« Das Reich zur regelrechten Hasstirade: in dieser zurückgebliebenen Provinz erkannte er das eigentliche politische Herz des sich aller Entwicklung – und v.a. einer bestimmten Entwicklung – verweigernden Frankreich:

 

»Dawider spricht nicht die Tatsache, daß Paris die Hochburg des sogenannten Antifaschismus war und als solche gelten wollte. Was in Paris bewußte Ablehnung war, ist in der französischen Provinz glattes Unvermögen des Verstehens. Das konservative Frankreich hat nicht bloß die Revolutionen der jüngsten Zeit nicht verstanden, sondern auch das ganze Jahrhundert noch nicht erlebt. Französische Provinz ist im weitesten Maße neunzehntes Jahrhundert. [...] Die Provinz insgesamt ist alt und greisenhaft wie ihre starre Weisheit. Sie hemmt das Neue und Junge. [...] War es nicht einer der ungeheuerlichsten Widersprüche, daß das zu asiatischer Starre und Unbeweglichkeit erstarrte Frankreich Europa unter das Strukturgesetz seiner erstarrten Provinz zwingen wollte

 

In derselben Zeitung hatte Werner Stephan im Juni 1940 kurz und bündig folgende Bilanz des deutschen Sieges gezogen:

»Das französische Volk – das ist die einfache Erklärung für das erstaunliche Phänomen dieses ›Debacles‹ – war physisch, psychisch und moralisch nicht imstande, mit dem deutschen Volk die Waffen zu kreuzen.«

 

Auch Paul Distelbarth, in dem Hans Manfred Bock und Michael Nerlich nur einen aufrichtig um Frieden und Verständigung bemühten Vermittler sehen wollen, schloss sich diesem Tenor an und schrieb in der textlich vollkommen umgearbeiteten Neuausgabe von 1942 seines französischen Buches (La Personne France), also an die Franzosen gewandt:

« Les Français, somme toute, vivaient heureux dans leur enclos. Ils étaient tout naïvement persuadés que Paris était le nombril de la planète; ce qui se passait au delà des murs du clos ne les intéressait guère. Tout cela était ‘là-bas’: dans cette désignation un peu dédaigneuse ils confondaient tous les peuples européens sans égard au rang qu’ils occupaient dans la hiérarchie des peuples; car il y a une hiérarchie, et quiconque ne veut pas la voir se trompe. »

 

 

Es gibt also eine »Hierarchie der Völker«... an den Franzosen war es nun, aus dieser bitteren Erkenntnis das Beste zu machen – durch die Kollaboration mit Deutschland, die, so nicht nur Distelbarth, den Krieg hätte verhindern können, wäre sie rechtzeitig realisiert worden.

Ein seltsamer Widerspruch durchzieht jedoch die Kriegsberichte der allermeisten Autoren: ihre Darstellungen des Krieges wollen so gar nicht zu dessen ideologischer Überhöhung passen. Anders als im 1. Weltkrieg bedeutete dieser Frankreichfeldzug kein »Stahlgewitter« für Ernst Jünger, diesmal galt auch für ihn, was eigentlich, wie er schrieb, für jeden »Feldzug in Frankreich zur Überlieferung« gehöre, aber offenbar ganz besonders diesmal zur Geltung kam. Am 25. Mai 1940 notierte er in seinem Tagebuch die berühmt gewordene Passage:

 

 

»Überhaupt ist die Vormarschstraße von Sekt-, Bordeaux- und Burgunderflaschen gesäumt. Ich zählte wenigstens eine auf den Schritt, abgesehen von den Lagerplätzen, die aussahen, als ob es Flaschen geregnet hätte

Einen Tag später hielt Jünger eine Szene fest, die damals, für die Erstausgabe von Gärten und Straßen 1942 offenbar zensiert werden musste:

»Noch in den Morgenstunden rückten wir in Sedan ein. Die Stadt war stark zertrümmert: große Häuser waren durch Bombentreffer niedergestampft, andere ihrer Fassade beraubt, so daß man wie auf architektonischen Querschnitten das Innere von Zimmern und prunkvollen Sälen sah, auch Wendeltreppen, die in der Luft schwebten. In einer Nebengasse, die wir durchquerten, schien es lustig zuzugehen. Man sah Soldaten die Köpfe durch die blanken Sparren der Dächer stecken, andere hingen halb aus den Fenstern heraus. Sie ließen an roten Gardinenschnüren Burgunderflaschen herunterhängen, von denen ich, wie ein Fisch, der mit dem Köder abgeht, eine im Vorbeireiten ergriff: 1937er Châteauneuf-du-Pape

 

 

Die Kommandostäbe, denen die Propagandaoffiziere angehörten, denen wir die meisten Kriegsberichte aus Frankreich verdanken, wurden stets »standesgemäß« in französischen Schlössern einquartiert, wo es sich gut aushalten ließ. Die am Gegner ach so kritisierte Dekadenz war nun das willkommene Ambiente, im dem sich der Sieger wie zu Hause fühlte. So findet man typisch für viele andere Autoren auch bei dem Nazi-Schriftsteller Edwin Erich Dwinger wiederholt Passagen wie die folgende:

»Wir tranken gemeinsam noch ein Glas Sekt, stießen dabei in merklicher Erregung auf den morgigen Tag an. [...] ›Einen Pommery heute!‹ sagte der General schließlich. Als er gebracht war, hob er sein Glas, trank uns allen zu. ›Auf Paris – meine Herren!‹ «

Dieses »Auf Paris kann man in diesem Kontext durchaus zweideutig verstehen... Jedenfalls sah nicht nur für Dwinger dieser Feldzug »eigentlich viel eher nach einem fröhlichen Manöver aus [...]

 

 

Doch was den Offizieren vergönnt war, sollte auch den einfachen Soldaten nicht gänzlich vorenthalten bleiben, v.a. nach dem Waffenstillstand, wo es doch einen enormen Nachholbedarf in Sachen französischer Lebensart gab, wie Hans Joachim Kitzing schildert:

»Wir haben vor allem die glücklichen, stolzen und erhebenden Seiten des Kampfes kennengelernt, dessen Abschluß die sechs Wochen Besatzungszeit in Paris bildeten. Viele tausend deutsche Soldaten haben Paris kennengelernt, Paris, die Zauberin unter den Städten, die sonst nur ganz wenigen von ihnen sich erschlossen hätte. War es auch nicht das Paris der Vorkriegszeit, es war Paris, dessen Zauber auch auf den fremden Sieger wirkte. [...]

Die deutschen Soldaten ließen sich natürlich die Gelegenheit, die gute französische Küche an der Quelle kennenzulernen, nicht entgehen, und [...] am Ende der Mahlzeit war man doch durchweg sehr zufrieden und besonders von den Preisen angenehm überrascht. In einem Einheitspreis-Restaurant am Boulevard de la Madeleine, das schon in Friedenszeit sehr gut besucht war [...], herrschte stets eine beängstigende Fülle, denn man aß dort sehr gut zu 17 Francs, also 85 Pfennig. Die bedrohte Ernährungslage hatte zu der für die Franzosen fühlbaren Beschränkung der Mahlzeiten auf drei Gänge (Hors d’oeuvres, Fleischgericht, Dessert) geführt, aber drei Gänge mit Brot und Wein für 85 Pfennig, das war für deutsche Begriffe immer noch sehr billig

 

 

Das war für die deutschen Soldaten sehr billig, weil die Besatzungsmacht einen Umtauschkurs von 1:20 oktroyiert hatte, der die französische Wirtschaft der deutschen auslieferte und aus jedem kleinen Landser in Paris fast einen wandelnden Geldsack machte. Aus den Schilderungen der französischen Esskultur tritt in diesen Berichten gleichermaßen die Genugtuung des Siegers zu Tage, nun den Spieß umdrehen zu können, die Franzosen zu imitieren, während deren Genusssucht jetzt rationiert wurde, wie auch die Kritik des Anti-Hedonisten an eben dieser französischen Kultur, die sich trotz allem, wie bei Stackelberg erzählt, nicht einmal am Tag des Waffenstillstandes, also der größten Schmach Frankreichs, aus dem Konzept bringen ließ:

 

 

»Es gab alles, was man sich denken konnte. Mein Fahrer, ein waschechter Berliner, machte große Augen, was so alles zu einem französischen Mittagessen gehörte und was man alles bekommen konnte. Da kamen viele kleine Schüsseln mit Vorspeisen auf den Tisch, mit Fischchen, Schinken, Eiern, Salaten und weiß der Himmel noch was allem. Dann aß man Fisch, dann ein Fleischgericht, eine Nachspeise hinterher, und das alles war keineswegs besonders viel für französische Verhältnisse. [...]

Wie ich die großen Augen meines Berliner Jungen sah, mußte ich daran denken, wie sparsam wir in Deutschland doch in den letzten Jahren zu leben gewohnt waren. Aber ich hatte dabei keine Trauer, sondern im Gegenteil Stolz, denn dank dieser Sparsamkeit hatten wir ja die Kanonen und die Waffen bauen können, mit deren Hilfe wir jetzt hier saßen. [...]

In einem Restaurant in Lyon saßen neben mir beim Mittagessen Franzosen, eine bürgerliche Familie, die sich ungefähr eine halbe Stunde, über die Speisekarte gebeugt, über das Essen unterhielten und dann breit und gewichtig über Stadtklatsch sprachen. Mir schien es merkwürdig, daß ihre Gedanken an diesem Tag nicht andere Bahnen nahmen, aber das Essen war wohl für sie etwas sehr Wichtiges

 

 

Was zu Beginn diese massenhaften »Begegnung« von Deutschen und Franzosen noch so süffisant festgestellt wurde, geriet im Laufe der Occupation geradezu zur Obsession der deutschen Autoren, die über Frankreich schrieben. Jenseits politischer Erörterungen über die Vichy-Regierung, die übrigens durchaus unterschiedlich waren, stand im Mittelpunkt der Publikationen über das »besiegte« Frankreich die Frage, ob die Franzosen aus ihrer Niederlage lernen würden, ob sich etwas veränderte und wenn ja, was. So geißelte etwa der Nazi-Journalist Hans Schwarz van Berk im Dezember 1940 in Das Reich , dass die Franzosen nur eines im Kopf hätten, nämlich dass das Leben so weitergehe wie zuvor: »Die Phantasie des Franzosen ist, trotz Descartes, unklar und in der Gegend des Magens zu Hause«, doch müsse nun gleichwohl »Seine Majestät der Franzose sich an den allgemeinen, zur Zeit bescheidenen, europäischen Mittagstisch setzen«. Sein Fazit:

»Sie kennen, so sonderbar es klingt, bis heute den Krieg noch nicht, den totalen Zustand einer Auseinandersetzung, den Krieg, wie er in unserer Zeit geführt und bezahlt werden muß. Sie kennen den Sieger und das Geheimnis seines Sieges noch nicht. [...] Die Franzosen haben noch nicht begriffen, daß sie geschlagen worden sind, geschlagen im Felde und ebenso gründlich in ihrer ganzen Lebensform. [...]«

 

 

Demgegenüber konnte man in der gleichen Zeitung, der Goebbels anfangs noch einen gewissen Spielraum ließ, auch folgendes lesen, von Ilse Urbach im April 1941:

»Die köstliche Ruhe, die ein französisches Mittagessen gewährt, wird auch uns zuteil. Wenn auch die Gänge nicht mehr die Qualität früherer Jahre aufweisen, so sind es doch der Folge nach die gleichen geblieben. Das Warten von einem zum anderen ist schon Genuß, winken auch nur Muscheln oder weiße Bohnen

Verurteilung ist dabei in vielen Darstellungen gar nicht von Bewunderung zu trennen, so bei Hubert Neun im Mai 1941, ebenfalls in Das Reich:

»Den Umständlichkeiten der Rationierung läßt sich auf mannigfaltige Weise begegnen, wenn man Geld hat. [...] Ob es wichtig ist, davon zu berichten? Man mag die Frage verneinen, man lag sie bejahen – in jedem Falle wäre eine Schilderung des gegenwärtigen Bildes dieser Stadt unvollkommen, wollte man den ungeheuren Spielraum, in dem sich der Alltag ihrer dreiundeinhalb Millionen Bürger begibt [sic], wie selbstverständlich übergehen. [...] [Sie] überbrücken die fleischlosen Tage, drei pro Woche, indem sie dann je drei Portionen Froschschenkel vertilgen; statt der Hemden aus Popeline, die nicht frei verkäuflich sind, können sie nur reinseidene tragen... Nein, es gab keine Probleme

 

 

Die im Text geäußerte Frage, ob man darüber berichten solle, war keine rein rhetorische Frage. Die Schilderungen, wie sich die Franzosen dank des Schwarzmarktes über Wasser hielten, waren nicht ohne – um im Bild zu bleiben – Delikatesse für den deutschen Leser. Im September 1940 hatte Goebbels, dem die Frankreichberichterstattung in der Presse und im Radio oft aus dem Ruder lief und der seine Leute unaufhaltsam gegen Fraternisierung, Sentimentalität und Frankophilie aufrief, in einer seiner Besprechungen mit den führenden Propagandafunktionären hervorgehoben:

»Die deutsche Presse soll über die Lebensmittelrationierungen im besetzten Frankreich berichten, damit in der deutschen Bevölkerung der Eindruck verschwindet, als sei dort nach wie vor alles in Hülle und Fülle zu haben, was das deutsche Volk entbehren muß. Es soll aber bei der Veröffentlichung darauf geachtet werden, daß tatsächlich nur im Verhältnis zu Deutschland geringere Mengen bekanntgegeben werden. (23/9/1940, cf. Boelcke).«

 

 

Ja, es konnte in der Tat der Eindruck entstehen, dass man in Paris, der Hauptstadt des Besiegten, besser lebte als in Berlin, der Hauptstadt des Siegers... Die ganzen Besatzungsjahre über haben viele der Autoren, die über Frankreich schrieben, eine Form des Hassliebe zu Frankreich bewahrt, wie sie Sieburg unter ganz anderen Umständen 1929 in seinem Buch zum Ausdruck gebracht hatte. Noch im Mai 1944 schrieb ein anonym gebliebener Autor in Goebbels’ Zeitung Das Reich folgende bittersüße Reminiszenz auf ein anscheinend schon aufgegebenes Paris, obwohl die alliierte Landung erst noch bevorstand:

»Paris hat den Hochmut, zu dem Schönheit verführt. Es weiß sich bewundert, und es bewundert sich selbst, und Erfahrungen der Vergangenheit haben die Stadt in ihrem Primadonnen-Gefühl bekräftigt. Moltke zögerte, sie zu beschießen, Hitler hat sie geschont – wie sollte man sich nicht gefeit wähnen, wenn sogar diejenigen, die man als Barbaren zu bezeichnen gewöhnt war, derartige Rücksicht walten ließen? Aus dieser Arroganz hatte man das jaulende Getön der Sirenen stets nur als theoretische Warnung gewertet, man bestellte einen zweiten Apéritif, wenn es tagsüber erklang, und man drehte sich auf die andere Seite, wenn man schon zu Bett gegangen war.«

 

 

Karl Epting, den ich hinter dem Anonymat dieses Artikels vermute, Leiter des Pariser Büros des Deutschen Akademischen Austauschdiensts von 1933 bis 1939 und dann Direktor des Deutschen Instituts in Frankreich während der Besatzungszeit, war neben dem Botschafter Otto Abetz und dem für Kulturfragen zuständigen Wehr­machtsoffizier Gerhard Heller die herausragende Figur der politisch-kulturellen Kollaboration auf der deutschen Seite. Er verstand es meisterhaft, alle Register zu ziehen, je nach Opportunität für die Verständigung, wenn nicht sogar Verbrüderung zwischen Frankreich und Deutschland (aber natürlich unter deutscher Führung!) einzutreten, oder aber die schlimmste antisemitische Hetze über Frankreich zu publizieren, die je verfasst wurde. Doch wie Sieburg und die meisten deutschen Intellektuellen jener Zeit – auch wenn der Begriff Intellektueller verpönt war – war Karl Epting dem Faszinosum der französischen Kultur, ihrer Ausstrahlungskraft und v.a. der Rolle der Intellektuellen in Frankreich erlegen, die dort nämlich, anders als ihre Kollegen in Deutschland, etwas zu sagen hatten. Etliche Passagen seiner unter dem Pseudonym Matthias Schwabe veröffentlichten Propagrandaschrift über »die französische Auslandspropaganda« stehen daher gerade in krassem Gegensatz zu ihrer politisch-ideologischen Intention und enthalten mitunter durchaus subtile Analysen der französischen Kultur, wie z.B. folgende:

 

 

»Der französische Lebensstil ist das Ergebnis einer andauernden Überlegung. Er ist nicht instinktiv, sondern bewußt, nicht unmittelbar, sondern zubereitet. Er verwandelt die Natur nach den Regeln eines Geschmacks, der noch heute unbewußt das Schöne mit dem Vernünftigen gleichsetzt, zu seinem Schaden aber das Vernünftige mit dem Verstandesmäßigen verwechselt. Der französische Lebensstil ist die andauernde Zubereitung und Verwandlung der Natur, von der Speise über das Frauengesicht bis zum erotischen Spiel oder zum Laster. Das heißt aber: der französische Lebensstil ist übertragbar. Er wird überall dort aufgenommen werden können, wo eine städtische Gesellschaft sich losgelöst hat von den nationalen Gegebenheiten des Volkes und der Landschaft. Er wird empfunden werden als Läuterung, weil er das Unmittelbare bricht. [...] Die französische Denkweise hätte sich in der Welt nicht durchgesetzt ohne die Hilfe des französischen Lebensstiles. Denn weil er das Elementare und Instinktive brach zugunsten eines Bildes, das vom Verstande entworfen wurde, erschien er der Welt als die Bestätigung der französischen Philosophie

 

 

Dieses Faszinosum war auch noch nach 1940 lebendig und es zog sogar diejenigen in seinen Bann, die es besiegt zu haben glaubten. Unter den zahlreichen Archivbeständen zur Besatzungszeit, die ich für meine Untersuchung sichten konnte, waren die interessantesten diejenigen, die deutlich machten, wie sehr viele Deutsche, die zur Kulturpropaganda nach Frankreich geschickt wurden, der Versuchung ausgesetzt waren, dem französischen Lebensstil zu erliegen. Eindrucksvoll z.B. die Akte der Ortsgruppe Paris-Boulogne der NSDAP/AO, die von Wilhelm Grotkopp, einem Journalisten und Autor eines Buches über Frankreich geleitet wurde. Bei der ersten Sitzung nach ihrer Gründung als eigenständige Ortsgruppe verzeichnete Grotkopp in seinem Bericht unter dem Titel »Abend in der Zelle 2« eine nüchterne Bilanz der mangelnden Disziplin der Parteigenossen, die überwiegend nicht erschienen waren und sogar unentschuldigt fehlten, wie um seine auf eben dieser Sitzung an die Anwesenden ausgesprochene Mahnung zu bestätigen, »daß leider zu viele Deutsche sich den französischen Gewohnheiten willig anpassen und sogar durch Übernahme französischer Ausdrücke das deutsche Sprachgefühl verletzen.« Im Februar 1944 kam die Deutsche Akademie, Vorläuferin des Goethe-Instituts, hinsichtlich der Deutschlektoren in Frankreich zur gleichfalls ernüchternden Bilanz, dass viele Deutsche immer noch dem »Zauber« Frankreichs verfielen:

»Wir stellen diese Erscheinung nach vier Jahren Besatzungszeit oft mit Bedauern unter den Deutschen des Landes fest. Auch heute noch wirkt die französische Volkssubstanz mit ihrer eigenartigen Strahlungskraft (cf. E. Michels).

 

 

Diese »eigenartige Strahlungskraft« erfasste selbst die Besatzungssoldaten bis hin zum Kommandanten von Groß-Paris, unter dessen Ägide drei Bände, zwei mit Bildern und Texten über Frankreich aus dem Blick des deutschen Soldaten sowie eine drittes als reiner Bildband über französische Kathedralen herausgegeben wurden, in denen der Mythos der douce France, aber diesmal aus der Sicht des deutschen Besatzungs­soldaten, fröhe Urständ’ feierte, man kann es kaum anders nennen, denn die deutsche Botschaft in Paris, deren Chef sowie deren Kulturbeauftragter – Abetz und Epting – zuvor zeitweilig selbst wegen Frankophilie von Hitler suspendiert worden waren, verurteilten im November 1943 diese offiziell von den Besatzungsbehörden herausgegebenen Bücher als »französische Kulturpropaganda.« Ein weiteres Buch mit Kommentar hätte dort auch noch genannt werden können, nämlich der Bild- und Textband über Paris von Hans Banger, publiziert von der Auslandsorganisation der Deutschen Arbeitsfront:

»Unser Buch ist ein Versuch, mit diesen Aufnahmen nicht nur ein Album zu schaffen, sondern auch etwas von dem zu vermitteln, das eben unnennbar von jedem empfunden wird, der auch nur wenige Stunden in dieser schönen Stadt weilt, dem Gefühl, daß hier Generationen gebaut haben, so gebaut, daß uns das Erhabene und Großartige doch immer noch mit einem lebenswarmen Atem nahe ist.«

 

 

Selbst hundertprozentige Nationalsozialisten wie der Leiter des Deutschen Instituts in Bordeaux sahen nur eine Chance, ihr Gedankengut in Frankreich an den Mann zu bringen, nämlich es in eine französische Form zu kleiden, so schrieb er im März 1941 in seinem Monatsbericht:

»Ich möchte Ende April, Anfang Mai hier in Bordeaux eine Konferenz der führenden Männer des Schulwesens und der Geistigkeit von Südwestfrankreich einberufen [...], die vielleicht im französischen Stil mit einem Festessen zu verbinden wäre oder zum mindestens mit einem Empfang im Stile der Salons littéraires [...]«

Im allgemeinen herrschte jedoch in den Monatsberichten der deutschen Lektoren an französischen Hochschulen eher gedrückte Stimmung hinsichtlich ihrer kultur­politischen Arbeit, die sie freilich in geschickten Formulierungen ins Positive wenden mussten, um den Sinn ihrer Tätigkeit deutlich zu machen. Manchmal unfreiwillig vielleicht kamen dabei dennoch verräterische Offenbarungen zu Wort, wie z.B. folgende vom Juni 1942 – der erwartete Endsieg an der Ostfront lies bereits erheblich auf sich warten – eines Lektors aus Tours:

 

 

»Wie brächte der Durchschnittsfranzose Herz und Vernunft genug auf, um sich vor der Verstocktheit seiner Gefühle zu retten? Der träge Mensch liebt es, auf ein Wunder zu hoffen. Der Franzose ist stumpf und träge geworden. Wir rütteln mit unserer Arbeit zwar gewisse Geister auf, der große Teil aber wird erst von uns erfaßt werden, wenn die militärischen Entscheidungen gefallen sind

Für den Rückgang der Teilnehmer an den Deutschkursen mussten Erklärungen gefunden werden, was war da naheliegender, als auf die französische Mentalität zu rekurrieren, besonders im Süden Frankreichs? So berichtete das Lektorat in Marseille in regelmäßigen Abständen

»[...]daß das Arbeitstempo in Marseille um ein vieles langsamer ist, als beispielsweise in Paris. [...] Je wärmer es hier wird, umso geringer wird die Arbeitslust der Mediterranen, eine Beobachtung, die hier niemandem neu ist. [...] Ein leichter Rückgang der Schülerzahl [...], der aber im Hinblick auf das Temperament der Meridionalen nichts Außergewöhnliches darstellt.«

 

 

Abgesehen von dem Faszinosum Paris hatte es ohnehin die unklare Situation in der unbesetzten Zone den Berichterstattern angetan, denn hier wurde, nicht ganz zu Unrecht, der Kern des französischen Widerstandes vermutet, nicht der Résistance wohlgemerkt, von der erst nach dem Débarquement in der Normandie offiziell gesprochen werden durfte, nein, vom Widerstand des Durchschnittsfranzosen, des Meridionalen, wie er von Hubert Neun im August 1941 in Goebbels Zeitung Das Reich dargestellt wurde:

»Fremdes Leid ist nicht eigenes Leid. [...] Nein, der Garten Gottes, die Provence, war draußen gelieben, sie hatte nichts erlebt und erfahren; sie kennt die harten Konturen nicht, die das Bild des europäischen Waffenganges trägt. [...] Man konnte aus der Kriegszone bleiben, als geschossen wurde. Man möchte es auch jetzt, und man sagt höflich, daß die politische Auseinandersetzung mit der Niederlage eine Angelegenheit der Regierung sei. Es ist der einfachste, der bequemste Ausweg: im Süden liebt man die Mühen nicht. [...]

Sie glauben an ihre persönliche, private Überlegenheit, sie meinen, daß der Olivenhain die Politik besiegt, und stützen sich auf ihre Erfahrung. Fast triumphierend verweisen sie darauf, daß sie abwarten können, das Öl und das Vieh und die Früchte im Hinterhalt

 

 

Kann man dies alles analytisch auf einen Nenner bringen? Auf, wie ich meine, geniale Weise, damals wie heute umstritten, hat dies Vercors 1942 in seiner im Untergrund publizierten Besatzungsgeschichte Le silence de la mer zum Ausdruck gebracht, wo ein deutscher Offizier, in dem viele Ernst Jünger erkannten – aber es gab viele Jüngers in Frankreich –, seinen schweigsamen französischen Zwangsgastgebern die Kollaboration im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem Lob auf die französische Kultur aufschwätzen will. Ihm geht es dabei um folgendes:

« [Mon père] me dit: »Tu ne devras jamais aller France avant d’y pouvoir entrer botté et casqué.« [...] Je ne regrette pas cette guerre. Non, je crois que de ceci il sortira de grandes choses... [...] Je le pense avec un très bon coeur: je le pense par amour pour la France. [...] Maintenant j’ai besoin de la France. Mais je demande beaucoup: je demande qu’elle m’accueille. [...] Il faut qu’elle accepte de [...] s’unir à nous. [...] Il faudra que je vive ici, longtemps. Dans une maison pareille à celle-ci. [...] Les obstacles seront surmontés. [...] Je veux vous dire que je me réjouis pour la France, dont les blessures de cette façon cicatriseront très vite, mais je me réjouis bien plus encore pour l’Allemagne et pour moi-même ! » 

*

 

 

Abschließend möchte ich hervorheben, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung des Frankreichbildes im Dritten Reich, aufgrund dessen Komplexität mein eigener Beitrag dazu eigentlich nur eine erste analytische Sichtung darstellen kann, nicht nur von »historischem« Interesse im engeren Sinne des Wortes (d.h. auf die Epoche bezogen) ist. Ich hoffe, es wurde in meinem Vortrag deutlich, dass viele jener im Dritten Reich verbreiteten Stereotypen über Frankreich nicht erst unter dem Nationalsozialismus entstanden und 1945 auch nicht automatisch verschwunden sind. Schon die Kontinuität des Sieburgschen Wirkens macht dies offensichtlich. Der deutsch-französische Gegensatz, der sich in jener Epoche politisch zuspitzte wie nie zuvor und entsprechend ideologisch überhöht wurde, reduzierte das Frankreichbild in Deutschland nicht zum ausschließlichen Feindbild. Auch wenn es einen nationalistischen Grundkonsens unter allen Autoren gab, so brachten dennoch viele von ihnen eine Art Haßliebe zu Frankreich zum Ausdruck, die noch in der Verurteilung der »französischen Lebensform« und der französischen Zivilisationsidee Neid darauf durchscheinen ließ, und sei es nur auf deren Geschlossenheit und Kraft. So ist die kritische Analyse selbst der ideologisch radikaleren unter den Frankreichdarstellungen des Dritten Reiches für uns heute noch von Gewinn.

 

 

 

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Bibliographie

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Dieu est-il français? suivi d’une Lettre sur la France par Bernard Grasset, Paris (Grasset) 1930; texte intégral traduit de l'allemand par Maurice Betz, ²1942; préface de Laurent Dispot, Paris (Grasset) ³1991.

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Dokumente aus dem Bundesarchiv Koblenz und dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes.

 

 

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Der folgende Text entstand aus einem Vortrag, der am Germanistischen Seminar der Univer­sität Heidelberg am 30.1. 1992 gehalten wurde. Er erschien im Druck in: Dietrich Harth (Hg.): Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag 1994, S. 83-112. Dieser Band ist nicht mehr lieferbar.

 

© 1994/2005 Thomas Lange

 

 

Kontakt T. Lange

Thomas Lange

Zwischen Gott und Teufel. Das Frankreichbild deutscher Schrift­steller im französischen Exil

 

[1]  Leo Lania: The Darkest Hour. Adventures and Escapes. Boston 1941. - Ernst Erich Noth: La guerre pourrie. La plus petite France. New York 1942.- Heinz Pol (=Pollak): Suicide of a Demo­cracy. New York 1940. - André Simone (=Otto Katz): J'accuse! New York 1940  - Lion Feucht­wanger: Der Teufel in Frankreich. (Zuerst: Unholdes Frankreich, Mexiko 1942) Rudolstadt 1954. -  Walter Hasenclever: Die Recht­losen. Hamburg 1962 (posthum; Niederschrift im Januar 1940 beendet)

[2] Friedrich Sieburg: Gott in Frankreich? Frankfurt/M 1929. Sieburgs Titel mag hier als - weitverbreitetes - Schlagwort für ein positives Frankreich-Bild gel­ten. Politisch gehört er nicht in die Reihe der Emigranten, s.u.

 

"Die dunkelste Stunde" - "Der besudelte Krieg" - "Selbstmord einer Demokratie" - "Ich klage an" - "Die Rechtlosen" - "Der Teufel in Frankreich" - so lauteten Buchtitel deutscher Emigranten, die un­mittelbar nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 geschrieben wurden und (bis auf eines) im Zeitraum zwischen 1940 und 1942 er­schienen sind.[1] Die Enttäuschung, die hier spürbar ist, gilt nicht nur der augen­blicklichen politischen Konstellation, dem erneuten Sieg Hitlers, der für die Verfasser mit einer gefahrvollen Flucht aus Europa verbunden war und einen von ihnen (Walter Hasenclever) zum Selbstmord in Verzweiflung und Panik veranlaßte. Die Enttäu­schung ist grundsätzlicher, denn sie gilt nicht nur dem realen, politischen Frankreich, sondern einem image, einem Denkmodell, für das ein anderer Buchtitel stehen möge: "Gott in Frankreich". [2] "Frankreich" war Gegen-Bild und Hoffnung für die exilierten Deutschen. Die französische Geschichte lieferte ihnen die Gegen-Idee zum national­sozialistischen Deutschland: Frankreich, das ist die Große Revolution von 1789, der Erklärung der Menschenrechte, die in die Praxis  einer über das ganze 19. Jahrhundert großzügig geübten Asylrechts für politisch Verfolgte umgesetzt worden waren.

In der deutschen literarischen Emigration nach Frankreich ab 1933 wird eine ganze Generation von Autoren gezwungen, ihr Denkmodell "Frankreich" mit der Realität zu konfrontieren. Das ist nicht nur ein imagologischer "Praxistest" im Vergleich von "Bild" und "Realität", sondern es geht in diesem Ineinander von Selbst- und Fremddefinition im Grunde um die politische, geistige, psychologi­sche Selbstfindung. Denn das positive Heteroimage "Frankreich" ist ganz eng an das sehr kritisch besetzte Autoimage "Deutschland" ge­bunden. Die in den images steckenden "imagotypen Makro­struktu­ren" [3]  werden sowohl in politische Hoffnungen und Erwartungen wie in li­terarische Phantasien umgesetzt. In Texten aller Gattungen - fik­tionalen, journalistischen wie essayistischen -  findet sich eine "fiktionale Sehweise" von Frankreich, die auf ihre Strukturen, auf Statik und Prozeßhaftigkeit befragt werden soll.

[3] Der Begriff nach: Hugo Dyserinck: Komparatistische Imago­logie. Zur politi­schen Tragweite einer europäischen Wissen­schaft von der Lite­ratur. In: ders. / K.U. Syndram (Hrsg.): Eu­ro­pa und das nationale Selbst­verständnis Ima­go­logische Probleme in  Literatur, Kunst und Kultur des 19. und 20. Jahr­hunderts. Bonn: Bouvier 1988, S.13-37; hier: S. 29; zu Deutsch­land - Frankreich: S. 27 ff.

[4] Für den begrenzten Zweck dieser kontrastiven Analyse bleiben die Ursprünge ausgespart. Dazu vgl. Manfred Koch-Hille­brecht: Das Deutschenbild. Ge­gen­­wart, Geschichte, Psycho­lo­gie. München: Beck 1977. - Zum "Gegenbild" außerdem: Wolf­gang Leiner: Das Deutsch­land­bild in der franzöischen Literatur. Darmstadt. Wis­sen­schaftliche Buchgesellschaft. 1989 - Zum 18. Jahrhundert: Gonthier-Louis Fink: Das Bild des Nach­bar­volkes im Spiegel der deut­schen und der franzsösischen Hochaufklärung (1750-1789). In: Bernhard Giesen (Hrsg.): Natio­nale und kul­turelle Identität. Stu­dien zur Entwick­lung des kollek­tiven Bewußtseins in der Neu­zeit. Frankfurt/M: Suhrkamp (stw 940) S. 453-492. - Zum 19. Jahrhundert: Elke Em­rich: Der janusköpfige Deutsche. Zum nationalen Selbstverständ­nis in der deut­schen Literatur von Her­der bis Nietzsche (1770-1870). In: Dys­erinck/Syndram, a.a.O., S. 147-169

[5] Heinrich Heine: Etat actuel de la littérature en Allemagne. De l'Allemagne de­puis Madame de Stael.

[10] Vgl. zu dieser Posi­tions­be­schrei­bung: Jürgen Habermas: Heinrich Heine und die Rolle der Intel­lektuellen in Deutsch­land. In: ders.: Eine Art Schadens­ab­wick­lung. Frankfurt/M: 1987, S. 25-54

[11] So im "Atta Troll", Kap. XI

[12] Heine, Deutschland ein Wintermärchen, Caput I

[13] Trouillet, a.a.O.,S. 66 ff., 143 ff.

[14] Pierre-Paul Sagave: 1871. Ber­lin - Paris . Reichshauptstadt und Hauptstadt der Welt. Frank­furt/M - Berlin - Wien 1971, S. 194 ff.

[15] Trouillet, S. 176, Anm.3; S. 171; - Karl D. Erdmann: Der Er­ste Weltkrieg (Gebhardt, Hand­buch der deutschen Geschichte Bd. 18) München: dtv 1986, S. 148 ff.

1. Elemente und Strukturen des Frankreich-Bildes

Die deutschen Vorstellungen von Frankreich  hatten sich im 19. Jahrhundert als "Hetero­stereotyp" entwickelt, nämlich als Reaktion auf das  Autostereotyp eines "Deutschland", dessen Grundzüge  auf das Deutschlandbuch der Madame de Stael von 1813 ("De l'Allemagne") zurückgingen. [4]  Maßgebend für das Frankreich-Bild der kritischen Intelligenz wurde Heinrich Heines beißend-ironische Uminter­pretation der Madame de Stael( "Die romantische Schule", 1833). [5]  Wo sie von deutscher Neigung zum Tiefen und Dunklen, zur Metaphysik, zur Einbildungkraft geschwärmt, bei  der deutschen Verbindung von "Gedankenkühnheit mit dem untertänigsten Charakter" noch den Gehorsam als eine "genaue Beobachtung der Schicklich­keits­regeln" entschuldigte" [6] , da sah Heine in bitterem Spott nur "ungewaschene Opposition [...] gegen jene Humanität, gegen jene allgemeine Menschenverbrüderung" für die in seinem Deutschland die Autoren Lessing, Herder, Schiller, Goethe standen. [7] Politisches Leben gewann diese Idee in Frankreich, das er "seinem Wesen nach republikanisch" nannte. [8]  Die seit seinem Pariser Exil auf ihn als Schimpfwort gemünzte Bezeichnung von der "französischen Partei" [9]  funktionierte er zum Ehren­namen um, und ihm folgten darin alle diejenigen deutschen Intellektuellen, die sich in der Tradition von Republik und Menschenrechten sahen. [10] 

Zu Heines Frankreich-Bild gehörte ganz gleichberechtigt neben der politischen Idealvorstellung auch Hedonismus, Lebenslust, Erotik: in immer wieder neuen Wendungen spricht er von Frankreich als

"Dieses Vaterland der Freiheit

Und der Frauen, die ich liebte". [11]

Und noch ein anderes Element des Frankreich-Bildes geht auf Heine zurück: die Aufforderung zum politischen Engagement, die Hoffnung, daß die Poesie die Wirklichkeit verändern und das heißt:

"Französische (=Republikanische) Zustände" herbeiführen könne:

"Ein neues Lied, ein bessres Lied,

O Freunde, will ich Euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten." [12]

Dominierend in der deutschen Sicht auf Frankreich blieb allerdings nicht Heine, sondern jenes negative Bild, das von den Befreiungs­kriegen 1813 bis zum Einigungskrieg 1870/71 mit Schlagworten wie "Welschen ist Fälschen" (F.L. Jahn) den "windigen Frantzosen" oder "pommadierten Schwätzer" als den "Erbfeind" zeichnete, der heimtückisch, gefährlich und verachtenswert war. [13]  Von einem  bi­blisch-sündigen "Babylon an der Seine" sprach man 1870/71 im preu­ßischen Offizierskorps während der Belagerung von Paris. [14]  In der Propaganda des 1. Weltkriegs steigerte sich dies alles noch einmal zur wütenden Bekundung einer "deutschen Sendung", gerichtet wider die "gedankenlose Genußsucht" (Ernst Troeltsch) der "plutokratischen Bourgeoisrepublik" (Thomas Mann). [15]  

[6] Germaine de Stael: Über Deutsch­land. Nach der Über­setzung von Robert Habs hrsg. und eingeleitet von Sigrid Met­ken. Stutt­gart: Reclam 1980, S. 67. - Vgl. zur Entwick­lung der französisch-deutschen wechsel­seitigen "Imagologie": Bernard Trouillet: Das deutsch-franzö­sische Verhältnis im Spiegel von Kultur und Spra­che. Weinheim und Basel: Beltz 1981. (Deut­sches Institut für Internationale Päd­ago­gische Forschung: Stu­dien und Dokumenta­tionen zur vergleichen­den Bildungsfor­schung Bd. 20) - Außerdem: Jacques Leenhardt / Robert Picht (Hg.): Esprit - Geist. 100 Schlüs­selbegriffe für Deutsche und Franzosen. München Zürich: Piper (SP 1093) 1989

[7] Heine, Die roman­tische Schu­le, hier zit. n. Heinrich Heine: Sämt­liche Werke, Bd. IX, Mün­chen 1964 (Kindler Taschen­bücher 1017/18), S. 31

[8] Das Bürger­könig­tum im Jahre 1832. (Französische Zustän­de I). Zit.n: Heinrich Heine, Sämtliche Wer­ke in 12 Bänden, Leip­zig: Gustav Fock o.J., S. 106

[9] Vorrede zur Vor­rede der "Franzö­si­schen Zustände", 1832. A.a.O., S. 6

 

[16] Raymond Poidevin / Jacques Bariéty: Les relations franco- allemandes 1815-1975. Prais 1977, S. 274 ff.

[17] Heinrich Mann: Bekenntnis zum Übernationalen (1932). zit.n.: ders: Der Hass. Deutsche Zeitgeschichte. Berlin und Weimar: Aufbau 1983, S. 19 [18] Hans Maier: Ideen von 1914 - Ideen von 1939?  In: Viertel­jah­res­hefte für Zeit­geschichte 4/1990, S. 225-542.

[19] Trouillet,a.a.O., S.219 ff., zu Spengler: S. 226; zu Hitlers "Mein Kampf": S. 233: die Juden wollen Frankreich und auch Deutsch­land "bastardisieren" und "ver­negern".

[20] Eduard Wechssler: Esprit und Geist. Versuch einer Wesens­kunde der Deutschen und Franzosen. Bielefeld 1927. Z.B. S. 158 ff.

 

In das öffentliche Bewußtsein der Weimarer Republik hat sich trotz des Vertrags von Locarno (1925) das Bemühen um die Aussöhnung mit Frankreich nicht wesentlich eingeprägt. Der Versailler Vertrag, die Reparationen, die fortdauernde Besetzung des Rheinlands einer­seits, die auch unter der republikanischen deutschen Regierung fortdauernde Politik der Grenzrevisionen andererseits ließen die Entspannung zu einer kurzen Phase um das Jahr 1927 werden. [16]  Über Stresemann, den großen Aussöhnungspolitiker,  sagte Heinrich Mann: "Die Nation im ganzen stand nicht hinter ihm",  und über die deut­sche Frankreichpolitik: "Die Republik hat nur wenige Tage ihres Lebens anders gehandelt, als das vorige, kriegerische Reich gehan­delt haben würde". [17]

Im Frankreich-Bild werden einerseits die antifranzösischen Kli­schees der Weltkriegszeit fortgesetzt - seien sie zu "Ideen von 1914" stilisiert [18] oder zu Karikaturen bzw. rassistischen Denun­ziationen bei Oswald Spengler oder Adolf Hitler verkommen. Der letztere steigerte die schon bei E.M. Arndt zu lesende Vermengung des Judenklischees mit dem Franzosenstereotyp bis ins Perverse. [19]  Von konservativ-bildungs­bürger­licher Seite wurde  versucht, den deutsch-französischen Gegensatz wissenschaftlich festzuschreiben. Romanistik-Professoren reihen endlose Antithesen aneinander: "Esprit und Geist", französische "galanterie" und germanische "Heiligung der reinen Weiblichkeit", "liberté" und Schicksal.[20]  Selbst Ernst Robert Curtius wollte dem "Deutschen Geist in Gefahr" seinen Sonderplatz in der europäischen Geistesgeschichte reservie­ren. [21]  Am bekanntesten und aufgrund seiner feuilletonistisch-leichten, durchaus geistreichen Schreibweise wurde das Buch des Paris-Korrespondenten der "Frankfurter Zeitung", Friedrich Sie­burg: "Gott in Frankreich?"  Mit einem koketten Fragezeichen ver­sehen, wollte es Sympathiewerbung für Frankreich durchaus im Sinne einer politischen Versöhnung betreiben und setzte damit einerseits die hedonistische Seite von Heines Frankreich-Bild fort. Die poli­tischen Akzente folgen aber der konservativen Linie, das zeigt sich etwa daran, daß nicht die Revolution, sondern Jeanne d'Arc als Leitmotiv genommen wird, die Verbindung von Religion und Na­tionalismus. Ansonsten wird Zivilisation und Vernunft bis in All­tagsbeobachtungen hinein als Ausdruck französischen Wesens vari­iert -

[21] Ernst Robert Curtius: Deut­scher Geist in Gefahr. Stutt­gart - Berlin 1932. - Curtius hat sehr viel für die Kenntnis über Frankreich getan, z.B. mit Veröf­fentlichung wie: Französischer Geist im Neuen Euro­pa. Berlin u. Leipzig 1925 - Die Französi­sche Kultur (1930). Zur Kritik seiner Position s.: Peter Jehn: Die Er­mäch­tigung der Ge­gen­revolution. In: Mi­chael Nerlich (Hg.): Kri­tik der Frank­reich­forschung. Argument Son­der­band 13, Berlin 1977, S. 110-132

[22] Friedrich Sieburg: Gott in Frankreich? Zit. nach dem Neu­druck Frankfurt/M 1954, S. 187.

[23] Sieburg, a.a.O., S. 60

[24] Sieburg, S. 124, 299

[25] Sieburg, S. 312 f, 354 f.. - Vgl. zu Sieburg: Manfred Flügge: Friedrich Sie­burg. Frankreichbild und Frankreichpolitik 1933-1945. In: Jürgen Sieß (Hg.): Vermittler. Deutsch-französisches Jahrbuch 1. Frankfurt/M 1981, S. 197-218. - Albrecht Betz: Exil und Engage­ment. Deutsche Schriftsteller im Frankreich der dreißiger Jahre. München: text und kritik 1986, S. 36 - Margot Taureck: Fried­rich Sieburg in Frankreich. Seine lite­rarisch-publizistishen Stellung­nahmen zwi­schen den Weltkrie­gen im Vergleich mit Positionen Ernst Jüngers. Heidelberg 1987

 

"Das Menü ist der Ausdruck des französischen Zivilisatonsgedankens beim Essen. Es verrät ebensowohl Ordnung wie Dauer, denn die Rei­henfolge der Speisen ist unabänderlich und für alle Klassen und Qualitäten bindend." [22]  

Der  Unterstrom des Buches aber ist  ein Vergleich Deutschlands mit Frankreich,  und dabei wird aus der Schilderung liebenswürdi­ger  Schlamperei - "die Franzosen (haben) Ordnung im Kopf, aber Unordnung auf ihren Bahnhöfen" [23]   - ganz unmerklich der Eindruck eines "lebendigen Museums", das "die Zeichen der Zeit nicht" ver­steht. [24]  Da Frankreich im technischen Fortschritt keinen "Zuwachs an Glück" sieht, kann es nur noch "ehrwürdiges Zeichen einer ver­gehenden Welt" sein. Welche nationalistischen Fußangeln in dieser Sympathierklärung an Frankreich verborgen sind, wird deutlich, wenn man liest, daß Deutschland den technischen Fortschritt zu seiner Religion gemacht habe und "Frankreichs Stellung zu Deutsch­land gleichzeitig auch seine Stellung zur Zukunft" sei. [25] 

In den Frankreich-Bildern der 20er Jahre sind die Fronten der Exilzeit schon vorgezeichnet: Sieburg wird nach 1933 einer der wichtigsten Kultur-Repräsentanten Nazi-Deutschlands in Frankreich sein. Diejenigen, die die politische Seite der Heineschen Tradi­tion fortsetzen, werden sich als Emigranten in Paris befinden.

Das gilt etwa für die Korrespondenten der linken oder linkslibera­len Presse wie Joseph Roth,  der über Paris schreibt, es "ist frei, geistig im edelsten Sinn und ironisch im herrlichsten Pa­thos. Jeder Chauffeur ist geistreicher als unsere Schriftstel­ler." [26]   Der Eindruck von persönlicher Freiheit, von unreglemen­tierter Menschlichkeit, von größter Urbanität bei gleichzeitiger geradezu schrullig-provinzieller Individualität ist auch bestim­mend für Kurt Tucholsky: "Wie schön ist es, hier zu leben: ohne diese Gesichter, die keine sind; ohne Krach und Krakeel". [27] 

[26] Joseph Roth in einem Brief vom  16. Mai 1925 an Benno Rei­fen­berg, den Feuil­letonredakteur der "Frankfurter Zeitung", für die Roth 1925/26 - als Vorgänger Sie­burgs -  Korrespondent in Paris war. (Zit. n.: Man­fred Flügge: Paris als Uto­pie und als Exil. In: Merkur Nr. 479 (1/1989), S. 44-58; hier: S. 49)

[27] Tucholsky, "Pariser Dank­gebet", zit.n. Flügge, a.a.O., S.48. Er berichtete 1924-27 für die "Welt­bühne", die seine ersten Texte als "zu überschwenglich" gar nicht druckte. Tuchols­ky verbracht die Exil­jahre bis zu seinem Freitod 1935 in Schwe­den

[28] Heinrich Mann: Geist und Tat (1910). Zit. n.: ders.: Geist und Tat. Frank­furt/M 1981, S. 9-16

[29] Hans Albert Walter: Deut­sche Exilliteratur 1933-1950, Bd. 1.: Bedrohung und Verfolgung bis 1933. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1972, S. 123. Den Vor­schlag, der politisch weiter keine Rolle spielte, machte Kurt Hiller in der "Weltbühne".

[30] Vgl.Inge Jens: Dichter zwi­schen rechts und links. Die Ge­schichte der Sektion für Dicht­kunst der Preußischen Akademie der Künste. (1971) München 1979: dtv, S. 93 ff. Die beträcht­lichen Anpasungsleistungen der "unpolitischen" Dichter an den NS-Staat: S. 204 ff.

[31] So Thomas Mann in den "Betrachtungen eines Unpoliti­schen" (1918), Frankfurt/M 1983, S. 55 ff. - Thomas Manns poli­ti­sche Einstellung hat sich bekannt­lich nach 1918 gewandelt; er wur­de in der Emigration in den USA zu einer Art Sprecher des deut­schen Exils.

Auf Heines politischem Frankreich-Bild  fußte prononciert und mit mehr bitterer Schärfe als Ironie Heinrich Mann. Er sah keinen grö­ßeren Gegensatz als den zwischen dem "Menschen des Geistes", dem Literaten und "seinem Todfeind", der politischen Macht. Und da würden in Deutschland  die Schriftsteller "für die Beschönigung des Ungeistigen, für die sophistische Rechtfertigung des Ungerech­ten" sich hergeben, während die Literaten Frankreichs ihrer staat­lichen Macht entgegentraten und dabei auch das Volk hinter sich wußten. Sie - Schriftsteller und Volk - hätten "Erkenntnisse zur Tat gemacht" und daher sei die französische Nation "der Vergeisti­gung heute näher als andere". [28]  In diesem Sinn, mit diesem Ziel versucht Heinrich Mann als unermüdlicher Redner und Essayist auf das deutsche Publikum der 20er Jahre einzuwirken, sich an diesem Vorbild zu orientieren. Damit wurde er zu solch einer Symbolfigur des aufrechten Republikanismus, daß 1932 sogar der Vorschlag auf­kam, er möge zur Wahl des Reichspräsidenten kandidieren. [29]  Wie weit er sich vom nationalistisch aufgeheizten Klima der Krisen­jahre entfernt hatte, zeigt sein "Bekenntnis zum Übernationalen" (1932) mit dem Vorschlag eines "Bundestaates Deutschland-Frankreich", der die Utopie eines "Lebens in Vernunft und Wahr­heit" begründen sollte. Heinrich Mann verkörperte ganz extrem je­nen Gegentypus zum nach wie vor staatlich geförderten unpoliti­schen Dichter: [30] den "Zivilisationsliteraten", der aus "kosmopolitischer Selbstent­äußerung" zum "besten französischen Pa­trioten", zum "Revolutionsfranzosen" wurde. [31]  Er blieb es auch, nachdem die Sache der Republik in Deutschland verloren war. "In jedem [Franzosen] aber ist es Voltaire, der zurückkehrt. In Deutschland wiederholt, wer es weit bringt, das tatlose, dem Volk unbekannten Leben Goethes" [32]  hatte er 1910 geschrieben. Am 21. Fe­bruar 1933 trat er - nach einer Warnung durch den  französischen Botschafter [33]  - die Nachfolge Voltaires als Moralist und politisch Verfolgter an und löste eine Fahrkarte nach Straßburg.

[32] Heinrich Mann: Voltaire - Goethe. (1910). In: ders.: Geist und Tat, a.a.O., S. 18 f.

[33] Walter, Bd.1, a.a.O., S. 212

[34] Vgl. Walter Möller: Exodus der Kultur. Schriftsteller, Wissen­schaftler und Künstler in der Emi­gration nach 1933.  München: C.H. Beck 1984 (BSR 293), S. 46 ff.

[35] Klaus Mann: Der Wende­punkt. Ein Lebensbericht. (1942 engl./ 1949 deutsch). Mün­chen 1981, S. 338. - Vgl. dazu auch: Wulf Köpke: "Innere Exilgeo­gra­phie"? Die Frage nach der Affi­nität zu des Asylländern. In: Helmut F. Pfanner (Hg.): Kul­turelle Wechselbeziehungen im Exil - Exile across Cultures. Bonn: Bouvier 1986, S. 13-24

[36] s. dazu die Beiträge von Jean­pierre Guindon, Pierre Foucher u.a. in: Zone d'Ombres,a.a.O., S. 25 ff.; dort auch das Apercu von Ludwig Marcuse.

[37] Dieter Schiller/Regine Herr­mann: Kulturelle Tätigkeit deut­scher Künstler und Publi­zisten im französischen Exil. In: Dieter Schiller u.a.: Exil in Frank­reich. (Bd. 3 von: Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933-1945) Frank­furt/M: Röderberg 1981, S. 243. Preis­träger waren H.W. Katz (1936), Elisabeth Karr (1937), Henryk Keisch (1938)

 

 

[40] Brief an Brecht, 28. Januar 1935. Zit.n.:Alfred Döblin. 1878-  1978. Eine Ausstellung des Deut­schen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. Katalog. Marbach 1978, S. 343

2. Frankreich-Bild, französische Realität und Exilwirklichkeit

Das Bild von Frankreich als einem demokratischen Kulturland war zwar ein Grund dafür, daß es zur wichtigsten Exilstation für die literarische Emigration  wurde. [34]   Daneben spielten praktische Er­wägungen - etwa die lange gemeinsame Grenze, die anfangs leichte Einreise - aber ebenso eine Rolle wie jener hedonistische Teil des Heineschen Erbes: die Vorstellung von einem glücklichen Urlaubs­land, einer lebensfrohen Boheme; außerdem glaubte in den ersten Jahren kaum ein Emigrant, daß die Hitler-Diktatur und damit das Exil nicht lange dauern könne:

"Der Aufstand des Volkes gegen die Unterdrücker, die deutsche Re­volution, lange konnte sie doch nicht mehr auf sich warten las­sen." [35]

In Paris und mehr noch in Südfrankreich, wo das Leben angenehm und billig war, lebten manche der bekanntesten Autoren der Weimarer Republik: Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Joseph Roth, die Publizisten Georg Bernhard und Leopold Schwarzschild. Der kleine Badeort Sanary-sur-Mer  wurde ironisch zur "Welthauptstadt der deutschen Literatur" [36]  erklärt.  In Paris erschien  die einzige Ta­geszeitung des deutschen Exils ("Pariser Tageblatt", nach 1936: "Pariser Tages­zeitung") sowie eine Wochenzeitschrift, "Das Neue Tage-Buch". Es gab ein "litera­risches Leben" mit zahlreichen Vor­tragsveranstaltungen im Rahmen des dort neugegründeten Schutzver­bandes Deutscher Schriftsteller, von dem 1935 auch ein "Heinrich-Heine-Preis" gestiftet wurde, "um junge Kräfte in der antifaschi­stischen Literatur zu fördern". [37]  Außerdem gab es den Versuch, er­ste Schritte zu einer Art Exil-Regierung zu tun mit dem "Ausschuß für die Bildung einer deutschen Volksfront" (1936). Den Vorsitz hatte Heinrich Mann, der auch hier wieder die Tradition der deut­schen politischen Flüchtlinge des 19. Jahrhunderts fortsetzte.

In dieser Art der Darstellung fortfahrend, würde man aber ein "Bild" vom deutschen Exil in Frankreich entwerfen, das einseitig heroisiert und beschönigt. [38]  Weder waren den politischen Bemühun­gen Erfolg beschieden (die Volksfront scheiterte schon 1938) [39] , noch hatte eine Integration ins Gastland oder gar eine Symbiose der Kulturen stattgefunden. Die Briefe und Erinnerungen der Emi­granten sind vielmehr voll von Enttäuschungen, Erfahrungen von Zu­rückweisungen, Gefühlen des Ausgeschlossen­seins und der Fremdheit. Wenige Emigranten konnten wirklich gut Französisch, vielen ging es wie Döblin:

"Im übrigen sieht und hört man hier nichts von der Welt. Aus den Briefmarken und Straßenausrufen ersehe ich, daß hier Frankreich ist, Gott weiß, was ich, ausgerechnet, hier zu suchen habe." [40] 

[38] Dies war die vor­herrschende Ten­denz der DDR-Exilfor­schung, wie auch der dort veröf­fent­lichten Erinnerungen von Be­teiligten: im­mer auf ein ge­schlos­senes Bild der Partei aus­gerichtet, auch unter Weg­las­sung­en und Verfäl­schung­en. Vgl. die Nach­weise in der Re­zen­sion der 7-bänd­igen Dar­stel­lung "Kunst und Literatur im anti­faschistischen Exil" (Berlin-DDR 1981) durch Hans-Al­bert Walter in: Samm­lung, Jahrbuch für anti­faschistische Literatur und Kunst, Hg. von Uwe Naumann, Bd. 5, 1982, S. 92-108

[39] Vgl. Ursula Lang­kau-Alex: Versuch und Scheitern der deut­schen Volksfront. In: Exil, 1/1986, S. 19-37. - Michel Grune­wald / Frithjof Trapp (Hg.): Autour du "Front Populaire Alle­mand". Einheitsfront – Volks­front. Bern – Frank­furt/M - New York - Paris 1990

 

[41] Zur materiellen Lebens­situ­a­tion s.: Hans Albert Walter: Asyl­­praxis und Le­bensbeding­ung­en in Europa. Darmstadt und Neuwied 1972. - Zur Abschot­tung der fran­zösischen Universi­tä­ten gegen deut­sche Akade­mi­ker: Jean-Philippe Mathieu: Sur l'émigration des universitaires. In: Gilbert Badia u.a.: Les bannis de Hit­ler. Accueil et lutte des exilés alle­mands en France 1933-1939. Paris 1984, S. 133-162. - S. auch: Hélène Roussel: Zur Geschichte der Pariser Niederlassung des In­stituts für Sozialforschung und seiner Beziehung zur Ecole Nor­male Superieure. In: Donald G. Daviau / Ludwig M. Fischer (Hg.): Das Exilerlebnis. Ver­hand­lungen des vierten Symposiums über deutsche und österreichi­sche Exilliteratur. Camden Hou­se, Columbia, South Carolina 1982, S. 12-23

[45] Lion Feucht­wanger: Der Teufel in Frankreich. Ein Erleb­nis­­bericht. Frank­furt/M: Fischer Taschenbuch (5918) 1989,  S. 77

[46] Klaus Mann, Wendepunkt, a.a.O.,S. 329

[47] Ich beziehe mich auf die gründliche Bibliographie bei Betz, S. 215 ff.

[48] "Livre brun sur l'incendie de reichstag et la terreur hitlérienne." Hg. von Willi Münzenberg. Paris: Eds. du Carrefour 1933

[49] "Hitler m'a dit." Paris, 1939

[50] Monde, Commune, Clarté, Europe, Vendredi

[51] Die "Dépeche de Toulouse" veröffentlichte etwa 80 Artikel von ihm. - Neuaus­gabe: Propos d'exil. Articles publiés dans "La Dé­pêche" par les émigrés du IIIe Reich. Toulouse: La Dépêche due Midi, 1983. Einl. von Adolf Wild.

[52] Heinrich Mann veröffent­lich­te 133 Artikel in französischen Zeitungen, Georg Bernhard, der ehemalige Chefredakteur der be­deutenden "Vossischen Zitung" 91, der junge, rasch adaptierte Emigrant Ernst Erich Noth 71 (Zahlen nach Betz, a.a.O.)

[53] Hans Jacob: Kind meiner Zeit. Köln 1962, S. 225

[54] Vgl. Ernst Erich Noth: Erin­nerungen eines Deutschen. Düs­sel­dorf 1971, S. 317 ff. - Alfred Kantorowicz: Politik und Lite­ra­tur im Exil. (1978) Mün­chen: dtv 1983, S. 205 ff.

[55] Herbert L. Lottman: La rive gauche. Paris: Ed du Sueil 1981, S. 65

 

Die Einkommensmöglichkeiten waren für die meisten der literari­schen Emigranten äußerst dürftig (ein international übersetzter Erfolgsautor wie Lion Feuchtwanger war die große Ausnahme); die "bürgerlichen" Berufe, wie der Arzt Döblin ihn bis dahin ausgeübt hatte, konnten gegen staatliche Verbote nur illegal betrieben wer­den; [41]   die Erlangung von Aufenthaltsgenehmigungen wurde durch eine sture und nachlässige Bürokratie zu einem Hindernislauf mit Glücksspielmomenten. [42]  Man kämpfte um eine provisorische Aufent­haltsgenehmigung ("carte d'identitè") oder (nach der Genfer Flüchtlingskonferenz 1936) um eine Legalisierung als deutscher Flüchtling ("certificat d'identité de réfugié"); nur ganz wenige deutschen Emigranten wurden als Franzosen naturalisiert. [43] 

So wird das tägliche Leben für die meist gutbürgerlichen Autoren Erniedrigung und Elend zugleich, mit der ganzen Familie leben sie in den "siechen Räumen", die "sich allmählich ganz zum Sarg veren­gen", in jenen Absteigen, die Walter Mehring zu den "kleinen Ho­tels" poetisiert hat. [44]  Unter diesen Bedingungen wird aus dem "Gott" in Frankreich dann jener "Teufel", den Lion Feuchtwanger so kennzeichnete:

"Der Teufel in Frankreich war ein freundlicher, manierlicher Teu­fel. Das Teuflische seines Wesens offenbarte sich lediglich in seiner höflichen Gleichgültigkeit den Leiden anderer gegenüber, in seinem Je-m'en-foutismus, in seiner Schlamperei, in seiner büro­kratischen Langsamkeit." [45]

Dieser "Teufel" war einerseits für viel Leid (und nach 1940 manchmal sogar für die den Tod bedeutende Auslieferung) deutscher Flüchtlinge verantwortlich; andererseits gibt es auch zahlreiche Zeugnisse davon, wie eben durch diese "teuflische" Unordnung auch Leben gerettet wurden (übrigens auch Feuchtwangers eigenes).

Die schlimmste Enttäuschung im Land der Republik und der Menschen­rechte war aber sicher die, daß die deutschen Emigranten politisch argwöhnisch betrachtet wurden:

"Die meisten Leute schauen uns schief an, nicht weil wir Deutsche waren, sondern weil wir Deutschland verlassen hatten. So etwas tut man nicht nach Ansicht der meisten Leute. Ein anständiger Mensch hält zu seinem Vaterland, gleichgültig, wer dort regiert." [46]

Auch literarisch wurden sie – außerhalb des kleinen Kreises fran­zösischer Germanisten - nicht übermäßig beachtet. Zwar erschienen in französischen Verlagen zwischen 1933 und  1940 über 300 über­setzte Bücher deutscher Autoren, und unter den meistüber­setzten do­minierten die Emigranten. [47]  Dabei stand allerdings gehobene Unter­haltungs- und Sachliteratur (Vicki Baum, Stefan Zweig, Ernst Lud­wig) an der Spitze. Bestseller waren das "Braunbuch über den Reichstagsbrand" [48]  und die "Gespräche mit Hitler" von Hermann Rauschning. [49]  In einigen linken und linksliberalen Zeitschriften [50]  konnten Emigranten veröffentlichen, aber nur Heinrich Mann - der auch selbst fließend Französisch schrieb - gelang der Zugang zu einer großen Tages­zeitung, allerdings auch nur in der Provinz. [51]  Die Wirkung seiner sehr kämpfe­rischen Artikel war - auf Emigranten wie auf Franzosen - aber eher gering. Außerhalb der Zirkel poli­tisch Gleichgesinnter kamen die unermüdlichen Warnungen [52]  vor Hit­ler und einem neuen Krieg kaum an. Nach einem Vortrag Heinrich Manns, in dem er  vor französischem Publikum, und zwar vor "einflußreichen Männern der Politik und des öffentlichen Lebens"  zur Unterstützung der - angeblich - aufstandsbereiten Massen des "anderen" Deutschland aufgerufen hatte, "drückten die wenigen An­wesenden Heinrich Mann ... stumm die Hand wie Leidtragenden bei einer Beerdigung. Man hatte das 'andere Deutschland' zu Grabe ge­tragen." [53]

Auch spektakuläre Veranstaltungen, wie der immer wieder zitierte "Kongreß zur Verteidigung der Kultur" vom 21. - 25. Juni 1935 in Paris, bei dem die Prominenz aus Emigration wie der französischen Literaturszene gemeinsam mit Gästen aus 35 Ländern (besonders bestaunt: die sowjetische Delegation) zusammen Nazi-Deutschland verurteilten und Kampfent­schlossenheit demonstrierten, trug eigentlich nicht dazu bei, wirklich Brücken zwischen den deutschen und den französischen Au­toren zu schlagen. Das lag nicht nur daran, daß dieser Kongreß - wie viele der politischen Emigranten­aktivitäten - mehr oder weni­ger deutlich kommunistisch gesteuert war. [54]  Eher war es das Eigen­leben der Pariser Literaturszene, in das die deutschen Literaten so gut wie nicht "eingelassen" wurden. Das "Linke Ufer" (der Seine) ("rive gauche"), die Pariser Intellektuellen-Szene, schloß sich vor den deutschen Emigranten ziemlich ab, [55]  vor allem aber war dort die politische Parteiiung auch zwischen Autoren ver­schiedner politischer Lager lange nicht so unversöhnlich [56] , wie es die deutschen Emigranten gewöhnt waren, die ja das gesamte Weima­rer Polit-Spektrum mit allem seinem Gezänk ins Exil mitgenommen hatten.

[42] Exemplarisch die vielfach variierte Schil­derung von Theo­dor Balk: "Préfecture, fünf­te Etage". In: ders.: Das verlorene Manu­skript. (Mexiko 1943)

[43] Nach: Barbara Vormeier: La situation administrative des exi­lés allemands en Fran­ce (1933-45). Accueil - répression – interne­ment -déporation. In: Revue d'Alle­magne Bd. 18, 2/1986 , S. 185-194. (Als Beispiel für die restrik­tive Natu­ra­lisierungspolitik gegen­über Deutschen führt Vormeier (S. 189) an, daß 1936/37 31.700 Aus­länder in Frank­reich natu­rali­siert wur­den, darunter lediglich 1.515 Deutsche. In Frank­reich hielten sich legal oder illegal ca. 40.000 deutsche Flücht­linge auf.) - Zur Emigration in Süd­frank­reich s.a.: Jacques Grand­jonc/Theresia Grundtner (ed.): Zone d'ombres. 1933-1944. Exil et internement d'Alle­mands et d'Autri­chiens dans le sud-est de la France. Aix-en-Provence: Ali­nea 1990

[44] Walter Mehring: Die kleinen Hotels. (1934) Wiederabge­druckt bei: Ernst Loewy: Exil. Litera­ri­sche und politische Texte aus dem deut­schen Exil 1933-1945. (1979) Frankfurt/M: Fischer Taschen­buch (6482) 1982, S.  491 f.

[56] Lionel Richard etwa stellt fest, daß die bedeutendste fran­zö­­sische Literatur­zeitschrift, die Nouvelle Revue Francaise (NRF) pro- und anti­nazistische Bei­träge gleichermaßen druckte: Ein ge­wis­­ser Liberalismus und seine Mäan­der. Die Nouvelle Revue Fran­çaise  und ihr Verhältnis zu Deutsch­land (1925-1940). In: Jür­gen Sieß (Hg.): Widerstand, Flucht, Kollaboration. Frank­furt/M 1984, S. 90-111; S. 104.

[57] Tucholsky zit. bei Flügge, Paris als Utopie, a.a.O.,S. 55

[58] Anna Seghers: Six jours, six années (pages de journal). In: Eu­ro­pe, Nr. 188, 1938, S. 542-547; hier: S. 544 f. - Zum etwas ande­ren Verhältnis der Franzosen zur Moderne s. a.: Rudolf von Thad­den: Aufbau nationaler Identität. Deutschland und Frankreich im Vergleich. In: Bernhard Giesen (Hg.): Nationale und kulturelle Iden­tität. Studien zur Entwick­lung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit. Frankfurt/M: Suhr­kamp (stw 940), S. 493-512; bes. S. 503 f.

Intensiveren Kontakt zur französischen Literatur wie Integration in die französische Gesellschaft war nur möglich, wenn man sozusa­gen "die Seite wechselte", d.h. selbst versuchte, Autor in franzö­sischer Sprache zu werden. Einer der wenigen, die dazu Mut und Fä­higkeit aufbrachten, war der bei seiner Emigration erst 24jährige Ernst Erich Noth, der in wenigen Jahren zu einem der wichtigsten Autoren  deutscher Herkunft in der französischen Literaturszene werden sollte.

Selbst für die politisch radikalen, ganz auf Internationalismus eingestimmten kommunistischen Emigranten bestätigte sich aber im Grunde die Ansicht des Konser­vativen Sieburg über die "typisch französische" "Unmodernität" Frankreichs, die Tucholsky einmal auf die Formel brachte, er habe in Paris oft das Gefühl, mit Menschen des Jahres 1880 zu sprechen. [57]  - Anna Seghers schrieb über die Vorbereitungen zum Schriftstellerkongreß 1935:

"Für die Deutschen haben diese Vorbereitungen eine andere und tie­fernste Bedeutung. Den Franzosen liegen Improvisationen näher. Mißverständnisse und falsche Urteile allerorten. Ich denke, die Ursache ist folgende: Krieg und Nachkrieg haben bei uns alles durcheinander geworfen, von seinem Platz gerückt, sowohl in unse­rer Ideenwelt wie in unserm Alltagsleben. Was uns hier am meisten begeistert, die wunderbare Tradition des revolutionären Gedankens, seine allmähliche, logische, fast organische Entwicklung und die Aufgeschlossenheit, die ihm gewisse Teile der liberalen Bour­geoisie entgegen­bringen, das alles erlaubt hier den Menschen, Le­bensgewohnheiten zu bewahren, die uns manchmal überraschen. Bei aller Gedankenkühnheit und zweifelsfreien Aktivität: erinnert uns die Lebensart eines Malraux oder eines Aragon in manchen äußeren Zügen nicht eher an die unserer Eltern als an unsere eigene?" [58]

 

[59] So etwa Hermann Kesten:

5 Jahre nach unserer Abreise. In: Das neue Tage-Buch, Jg. 5, 1938, S. 114-116

 

[60] Vgl. Köpke, "Innere" Exil­geographie,a.a.O., S. 16 f.

 

 

 

[61] Alfred Döblin: Schicksals­reise. Bericht und Bekenntnis. (1949) Zit. n.: ders.: Autobiogra­phi­sche Schriften und letzte Auf­zeichnungen. Olten und Freiburg im Breisgau 1980, S. 213, 189, 356.

3. Das Frankreich-Bild im literarischen Text: Die Spiegelung der Realität

Auf den ersten Blick hat sich die Exilliteratur erstaunlich wenig um Frankreich bekümmert: eine Auseinandersetzung mit dem Exilland ist selten das Hauptthema eines Romans oder einer Erzählung.  Ord­net man die Exilliteratur nach Schauplätzen, so nehmen Deutsch­land, Amerika, Spanien, die Mittelmeerwelt der Antike mehr Raum ein als Frankreich. Gab es einerseits unter den exilierten Schriftstellern die Auffassung, daß man - ungeachtet des "Wohnorts" - sein Metier weitertreiben müsse, [59]  so kann man als Motiv vieler Autoren auch unterstellen, das zu schreiben, was bei dem ja sehr eingeschränkten deutschsprachigen Markt gekauft und gelesen werden würde: Unterhaltung, aber auch Ablenkung und Phan­tasie waren da eher gefragt. So setzten viele einfach ihnen nahe­liegende Themen fort. [60]  Alfred Döblin sah im Rückblick sein Schreiben auch in Frankreich als "eine Realität für sich", als "Fahrten bei geschlossener Tür ... nach China, Indien, Grönland". In Frankreich schrieb er, der sogar die französische Staatsbürger­schaft erlangen konnte, eine Südamerika-Trilogie. Der Bericht über sein Umherirren nach der französischen Niederlage in Frankreich ist eine "Schicksalsreise" im metaphysischen Sinn geworden, inso­fern ihr reales Ende und mystisches Ziel die Konversion Döblins zum Christentum war. In einem "fürchter­lichen Zustand (der) Ver­einsamung" fühlt sich Döblin zwischen Eisenbahn­waggons und Auf­fanglagern für Flüchtlinge "Nackt wie Robinson" und voller Selbst­mordgedanken. Die katholische Religion erst vermittelt ihm die Er­fahrung, "daß sie den Menschen ... mit dem Weltablauf zusammen­schließt".[61]  

 

[62] Lion Feuchtwanger: Exil. Frankfurt/M: Fischer Taschen­buch (2128) 1979, S. 126

[63] Lutz Winckler: Kunst und Politik in Lion Feuchtwangers Roman "Exil". In. Re­vue d'Alle­magne, Bd. 18, 2/1986, S. 353-366

[64] Vgl. zur Kritik: Klaus Modick: Vernarbte Wunden oder "Was wir an ihm proble­matisch finden". In: Wilhelm von Stern­burg (Hg.): Lion Feuchtwanger. Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt/M: Fischer Taschen­buch (6886) 1989, S. 278-291

[65] Rundschreiben des franzö­si­schen Innenministeriums vom 17.9.1939, zit.n. Zone d'ombres, a.a.O., S. 204 f.

[66] Feuchtwanger, Teufel, S. 76, 139, 157

[67] Claudie Villard: Feucht­wanger et la France: Mai 1940 ou la rencontre avec le diable du "je-m'en-foutisme". In: Revue d'Alle­magne, Bd. 18, 2/1986, S.337 – 352

Einer der wenigen Romane, die sich ausschließlich auf die deutsche Emigration in Frankreich konzentrieren, ist Lion Feuchtwangers "Exil" (1939). Der Blick ist hier allerdings so völlig auf die Emigranten und ihre deutschen Gegenspieler gerichtet, daß nur ge­legentliches "Lokalkolorit" den Eindruck hervorruft, daß die Re­daktionsstuben und Hotelzimmer  sich tatsächlich in Frankreich be­finden. Die realen Mühen des Alltags, des Geldmangels, der büro­kratischen Hemmnisse werden eindringlich geschildert (Anna, die Frau der Hauptfigur Sepp Trautwein zerbricht daran). Im Kern ist es ein Schlüsselroman, der damals bekannte reale Ereignisse (den Skandal um das "Pariser Tageblatt" und die Entführung des Journa­listen Berthold Jacob durch Nazi­agenten) als Handlungsmotiv ver­wendet. In dem opportunistischen, machtgierigen und eitlen deut­schen Journalisten Wiesner ist unschwer Friedrich Sieburg wieder­zuerkennen. Die Emigranten des Romans widmen sich ausschließlich dem Kampf um das deutsche Volk, von dem sie meinen, daß die Majo­rität sich in Opposition zu Hitler befinde. [62]  Der Roman ist ein Dokument der politischen Volksfront, er ist auf Harmonisierung von Konflikten angelegt, mit dem Ziel, in der Hauptfigur, dem Musiker Sepp Trautwein eine Versöhnung von Geist und Macht exemplarisch und vorbildlich vorzuführen. [63]  Der Stil des politisch-taktischen Überreden-Wollens, [64]  ist übrigens auch in Feuchtwangers autobio­graphischem Bericht vom "Teufel in Frankreich" noch erkennbar: die  Franzosen, mit denen Feuchtwanger und seine Leidensgefährten in den verschiedenen Internierungslagern für "verdächtige, gefährli­che und unerwünschte Ausländer" [65]  zu tun haben - die Wachsoldaten, die Offiziere - sind vielleicht allzu gehorsam, zu wenig um das Wohl ihrer Gefangenen bemüht, aber sie sind nie bösartig. Das sind allenfalls die auch internierten Sympathisanten der deutschen Na­zis. Die Soldaten sehen eigentlich selbst wenig Sinn in  dem, was sie tun:

"Im übrigen waren sie skeptisch, sie glaubten nicht an ihre Regie­rung, sie glaubten, der ganze Krieg sei Schwindel, nur dazu be­stimmt, einige reiche Herren noch reicher zu machen."

Verantwortlich sind "die französischen Faschisten" und "die Na­zis". [66]  Indem er die Menschen vom politischen System unterscheidet und "Dummheit und Herzens­trägheit" verantwortlich für ihr Handeln macht, eröffnet er eine Hoffnung für Handeln. [67] 

 

[68] Vgl. mit anderen Beispielen (Amerikakritik): Christoph Eykman: Zwischen Zerr­bild, Schreckbild und Idealbild: Die Auseinandersetzung mit dem Asylland im Exilschrifttum. In: Helmut F. Pfanner (Hg.). Kultu­relle Wechselbeziehungen im Exil - Exile across Cultures. Bonn: Bouvier 1986, S. 35-48

[69] Wulf Köpke: Die Flucht durch Frankreich. Die zweite Erfahrung der Heimatlo­sigkeit in Berichten der Emigranten aus dem Jahre 1940. In: Jahrbuch Exilfor­schung, Bd. 4, 1986, S, 229-242.

[70] Vgl. neben Köpke, Flucht, die Analyse von Frithjof Trapp: Fragwürdige "Realismus"-Behaup­­tungen. In: ders. / Edita Koch (Hg.): Realismuskonzeptionen der Exilliteratur zwischen 1935 und 1940/41. Tagung der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exil­lite­ratur 1986. In: Exil. Sonderband 1, Maintal 1987, S. 114-126

[71] Vgl. dass. in romanhafter Form auch bei Adrienne Thomas: Reisen Sie ab, Made­moiselle! (Stockholm 1943). Frankfurt/M: Fischer Taschenbuch (5956) 1982, S. 212. - Noth, Guerre, S. 113

[72] Noth, Guerre, S.41, 319. Die entsprechende Figur bei Habe analysiert Trapp, "Realismus"-Behauptungen, S.118 f.

[73] Noth, Guerre, S. 111, 41.

[74] Noth, Guerre, S. 95, 114. - Vgl. ausführlich: Thomas Lange: Verratener Geist - Besudelter Krieg.  Deutsches Bildungs­bür­ger­tum und Gesellschafts­analyse am Beispiel zweier Essays von Ernst Erich Noth. In: Exil, 1/1988, S. 39-59

[75] Anna Seghers: Transit. Bücher­gilde Gutenberg (Biblio­thek Exilliteratur) 1985, S. 27,19

[76] Seghers, Transit, S. 149, 98, 109, 141

 

[77] Hans Albert Walter macht in seinem Kommentarband, in dem er die vielfältigen Anspielungs­ebenen entschlüsselt (Anna Seghers' Metamorphosen. Transit - Erkun­dungsversuche in einem Labyrinth. Frankfurt am Main - Olten - Wien: Büchergilde Guten­berg 1985) darauf aufmerksam (S. 10), daß Anna Seghers sich im Zu­sammenhang mit diesem Ro­man einmal von der Wider­spiege­lungstheorie distanziert habe.

[78] Köpke, Flucht,a.a.O.,S. 241

[79] Brief an Alfred Kantorowicz, 3. März 1943. In: DIE ZEIT, Nr. 1, 1.1.1982, S. 29

Bei Feuchtwanger ist ein Muster zu erkennen, das auch  andere Texte über das "débacle" Frankreichs strukturiert: [68]   indem die Niederlage erklärt wird, werden die Fronten abgesteckt. Schuld ist nicht die eigene Schwäche (oder mangelnde Motivation), sondern der Verrat der Verantwortlichen. Die Leser sollen  motiviert und mobi­lisiert werden, indem ein besiegbarer Gegner ausgedeutet wurde: Die Niederlage Frankreichs wird als Sabotage durch die Offiziere und das Bürgertum dargestellt. Den deutschen Soldaten sollen den  Nimbus der Unbesiegbarkeit verlieren, daher werden sie  als arro­gant und dumm geschildert.[69]  Die so entstehenden Texte überschrei­ten die  Gattungsgrenzen. Die autobiographischen Texte enthalten erfundene, symbolstarke Szenen, die politischen Essays werden mit reportagehaften oder auch fiktionalen Elementen angereichert. Es werden Mythen aufgebaut: die der Verschwörung von Geld und Macht­gier auf der einen Seite, die der aufrechten Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit auf der anderen Seite. Hans Habes (bald nach Er­scheinen verfilmter) Bericht "Ob tausend fallen" (1941) wie auch André Simones politische Flugschrift "J'accuse" sind bekannte Bei­spiele dafür. [70]   Ernst Erich Noth hat auf Französisch in den USA eine tagebuchähnliche Chronik der Jahre von 1938 bis 1941 unter dem Titel "La guerre pourrie" herausgebracht, die den Wechsel des politischen Klimas in Frankreich (von der Neutralität zum Pro-Hit­lerismus) ebenso darstellt wie die Desillusionierung der Emigran­ten.  Noth schildert bis in die Okkupationszeit hinein (er lebte nach dem Waffenstillstand ein Jahr lang im Untergrund, bis er aus­reisen konnte) die Standardsituationen, die dem Leser einen er­kennbaren Feind weisen: die Salons der Bourgeoisie und der Intel­lektuellen, die Hitler bewundern und daher gar nicht kämpfen wol­len, da sie meinen: "Lieber Hitler als Léon Blum"; [71]  und auf der anderen Seite gegen Schluß des Buches jenen anonymen französischen Offizier, der - von beinahe mythischer Qualität - für die noch ge­heime Armee des Widerstands steht, ein Patriot außerhalb der Par­teien, der die bis dahin verborgenen Tugenden des Volkes und die Hoffnungen auf einen Sieg verkörpert. [72]  Noth nimmt hier übrigens insofern eine  differenziertere Position ein, als er den Defaitis­mus nicht nur bei den gehobenen sozialen Schichten sieht, sondern auch bei der Masse und bei den Kommunisten. [73]  Allerdings trennt er sprachlich stets die verführte Masse und das Volk; im letzteren finden sich die "braves gens" und "vrais Francais". Denn Noth macht noch einen Schuldigen aus: die Propaganda, die auch dafür verantwortlich ist, daß dieser Krieg "besudelt/beschmutzt" (pourrie) wurde: Goebbels sei es gelungen, den Widerstandswillen der Franzosen zu vergiften, den Sinn für Gerechtigkeit und Demo­kratie bei ihnen auszurotten; so habe die Lüge gesiegt. [74]

Unter den Texten, die die Exilsituation thematisieren, ist zwei­fellos Anna Seghers' Roman "Transit" derjenige mit der höchsten literarischen Dichte. 1943 in Mexiko fertiggeschrieben, wurde er erst 1948 (in Konstanz) veröffentlicht. Zu Zeiten der auf die li­terarische Widerspiegelungs-Doktrin verpflichteten DDR wurde die­ser Roman ihrer prominentesten Autorin allerdings wenig zur Kennt­nis genommen: er weicht doch erheblich von den üblichen Anforde­rungen ab. Zwar ist der Held ein antifaschistscher Arbeiter, der sich im Milieu kommunistischer Spanienkämpfer bewegt; und die Franzosen werden nach dem schon bekannten Schema geschildert: ei­nerseits die geldgierige Hotelbesitzerin, der die Deutschen lieber sind "als die Roten", andererseits die klassenbewußten Arbeiter, die wissen, daß der Sieg der Deutschen "den hiesigen Herren zupaß" kommt. [75]  Hauptinhalt des Romans sind die Fußangeln der Bürokratie in Marseille, das seit 1940 der letzte mögliche Fluchthafen für die deutschen Emigranten war. Vor der Ausreise und Rettung ver­schlingen sich die Wege zu Transitvisa, Schiffstickets, Ausreise­papieren, Bürgschaftserklärungen u.a. büro­kra­tischen Hindernissen zu einem schier unüberwindlichen, zur Verzweiflung treibenden La­byrinth. Anna Seghers Kunstgriff ist nun, daß sie diesen (auch von ihr erlebten) realen Überlebenskampf zu einem "Spiel um den irdi­schen Aufenthalt" stilisiert, in dem die "Mittransitäre" geradezu allegorische Qualität gewinnen und Marseille zum Symbol des "Jahrtausende alten" antiken und christlichen Europa schlechthin wird. Diese "letzte Herberge in der alten Welt" [76]  erhält einen my­thischen Nimbus; aus der Niederlage Frankreichs, der Rettung vor den Nazis wird ein "Transit", ein Übergang fast in der Manier ei­ner "rite de passage" in einen (im Gegensatz zu den Forderungen des "sozialistischen Realismus") nicht näher definierten neuen Zu­stand. [77] 

Wulf Köpke hat darauf aufmerksam gemacht, daß mit der Flucht aus Frankreich, dem Verlassen Kontinentaleuropas für die meisten Exi­lanten die "eigentliche Emigration" erst begonnen hätte. [78]  Die biographischen Brüche bei Döblin, Heinrich Mann und anderen, die sich in die USA retten konnten, sind ja bekannt. "Eindrücke be­langlos" schrieb der zutiefst deprimierte Heinrich Mann nach drei Jahren USA. [79 ]  Wenn nun die Realität "Frankreich" nicht den Erwar­tungen standgehalten hatte, - wie war es nun aber mit der "Idee Frankreich", den Idealen, Vorstellungen, Streotypen, Utopien, die damit verknüpft waren?

 

[80] Herbert Lehnert: Die Krisen der Autoren-Autorität in der Exil­literatur. - In: Edita Koch/Frithjof Trapp (Hrsg.): Realismuskonzep­tio­nen,a.a.O., S. 1-11. - Vgl. auch: Gert Sautermeister: Thomas Mann: Volksverführer, Künstler-Politiker, Welt­bürger. Führer­figu­ren zwischen Ästhetik, Dämonie, Politik. In: Jahrbuch Exilfor­schung, Bd.1., 1983, S: 302-321

[81] Feuchtwanger, Exil, a.a.O., S. 781

[82] Vgl. Betz, Exil, S. 125 ff. -  Claudie Villard: Die Rezeption von Lion Feuchtwangers "Mos­kau 37" in den Exilzeitschriften. In: Grunewald/ Trapp, Autour du "Front Populaire Alle­mand", a.a.O., S. 289 - 313. - Lange, Verratener Geist, a.a.O.,S. 45 f. - Vgl. auch: Bernhard Furler: Augen-Schein. Deutschspra­chige Reisereportagen über Sowjet­ruß­land 1917- 1939. Frankfurt/M: Athenäum 1987

[83] Julien Benda: Littérature et Communisme. In: Les Nouvelles Littéraires, 29.6.1935, S. 3 - Brechts Rede bei Loewy, a.a.O., S. 614

[84] Im folgenden nach: Michel Grunewald: Das neue Tage-Buch" et la France. In. Revue d'Al­le­­magne Bd. 18, 2/1986, S. 221 - 236

[85] Lutz Winckler: Der 14. Juli im "Pariser Tageblatt" und der "Pa­riser Tageszei­tung". In: Gru­ne­­wald / Trapp: Autour du Front Populaire Allemand, a.a.O., S. 149- 168

[86] Grunewald, Das "Neue Tage-Buch", a.a.O., S. 234 ff. (Schwarzschild war bis 1933 Chef­­redakteur des "Berliner Ta­ge­­blatts"); Winckler, Der 14. Juli, a.a.O.,S. 162 f..  – Bezeich­nend für die Lage der Blätter ist, daß beide auch nach dem Aus­bruch des Kriegs weiter erschei­nen durf­ten, wenn auch mit Zen­sur­auflagen; auch früher schon war den deut­schen Emigranten ver­bo­ten, an politischen Demon­stra­tionen (z.B. zum 14. Juli 1935) teil­zunehmen. (Winckler, S. 156)

[87] Winckler, S. 162 f.

[88] Betz, Exil, S. 160 ff. - Vgl. weiterhin: Peter Roessler: Citoyen und Diktatur an sich. Die Franzö­sische Revolution als Stoff der Dra­matik des anti­faschisti­schen Exils und der Nachkriegszeit. In: Mitt. des Instituts für Wissenschaft und Kunst, Jg. 42, 1987, H.2, S. 60-63

[89] Betz, Exil, S. 170 f.

[90] Betz, Exil, S. 168 ff. u. S. 16 f. - Über die Kollaboration des ja tatsäch­lich vorhandenen "ande­ren", pro-nazistischen Frankreich auch im geistigen Be­reich ist hier nicht zu berichten. Interessanten, wenn auch stark subjektiv recht­fertigenden Aufschluß bietet der Bericht des deutschen Zensors der Pariser Militärbehörde, Ger­hard Heller: Un Allemand à Paris. 1940-1944. Paris 1981. - Vgl. wie­ter: Karl Kohut (Hrsg.): Literatur der Résistance und Kollaboration in Frankreich. 3 Bde., Wiesbaden u. Tübingen 1982-84

[91] Albrecht Betz: Politisierung des Mythos. Jeanne d'Arc als "Si­mone" bei Brecht und Feucht­wanger. In: Trapp / Koch, Realis­muskonzeptionen, a.a.O., S. 94-104

[92] Vgl. Margot Taureck: Ge­spie­gelte Zeitgeschichte. Zu Lion Feuchtwangers Roma­nen "Der falsche Nero", "Die Brüder Lau­ten­sack" und "Simone". In: Stern­burg (Hg.):, Lion Feuchtwanger, a.a.O., S. 151-173

[93] Betz, Exil, S. 156

[94] Heinrich Mann: Die Voll­en­dung des Königs Henri Quatre. Reinbek: Rowohlt 1964, S. 169 f. - Der Abschnitt "Die Machtergrei­fung" ist Teil des Kapitels "Fröh­licher Dienst".

[95] Heinrich Mann: Rückblick vom Jahr 1941 auf das Jahr 1939. (Erstmals aus dem Manuskript veröffentlicht in:) Heinrich Mann: Das Führerprinzip / Arnold Zweig: Der Typus Hitler. Texte zur Kritik der NS-Diktatur. Hrsg. von Werner Herden. Berlin: Auf­bau Taschenbuch Verlag 1991, S. 46

[96] Betz, Exil, S. 159

[97] Klaus Thoenelt: Heinrich Mann als Exil-Autor in Frank­reich: Moralismusdar­stellung und moralistischer Darstellungs­mo­dus in den Henri-Quatre-Roma­nen. In: Pfanner, Kulturelle Wech­sel­­beziehungen, a.a.O.,S. 103-113; hier: S. 112

[98] Heinrich Mann: Culture et Internationalisme. In: Europe Nr. 188, 1938, S. 539-542.

 

4. Das Frankreich-Bild im literarischen Text: Die Idee Frankreich

Für die literarische Emigration in Frankreich  hat die staatliche oder gesellschaftliche Utopie ihren Ort weniger in Paris als in Moskau. Die politisierten Intellektuellen waren nicht unbedingt Demokraten, sondern hielten politisch an autoritären, obrigkeitso­rientierten Vorstellungen fest, an einer "Utopie der guten Autori­tät" (H.Lehnert). [80]  Denn die Verwirklichung der Ideen, für die das Stichwort "Französische Revolution" stand, wurde nicht in der kri­sengeschüttelten französischen Dritten Republik (mit den  von der Volksfrontregierung gerade mühsam ausgehandelten sozialen Minimal­rechten der "Accords de Matignon" - Vierzigstundenwoche, bezahl­ter Urlaub u.a.)  gesehen, sondern in der sozialistischen So­wjetunion. Dorthin, "in sein drittes Jahrtausend", bricht Hanns Trautwein in Feuchtwangers Roman "Exil" am Ende auf und sein Vater Sepp bekennt: "Ich bin ein Sympathisierender". [81]  Die heftigsten literarischen und politischen Diskussionen zwischen deutschen und französischen Intellektuellen fanden über die Moskau-Reiseberichte von André Gide ("Retour de l'URSS", 1936) und Feuchtwanger ("Moskau 1937") statt. [82]  Auf dem "Kongreß zur Verteidigung der Kultur" wurde - meist chiffriert unter dem Signum "militanter (oder: realistischer) Humanismus" - mehr das Modell Sowjetunion als die Idee "Frankreich" angepriesen. Es herrschte keineswegs Ei­nigkeit darüber, welche "Kultur" denn nun verteidigt werden sollte. Gegen Julien Benda als den geradezu klassischen Vertreter der "autonomie de l'esprit" standen die aus bündnistaktischen Gründen meist camouflierten, nur selten - wie von Brecht - offen­gelegten marxistschen Ideen: er wies (zum Ärger der kommu­nisti­schen Veranstalter) darauf hin, daß "die Wurzel allen Übels die Eigentums­verhältnisse sind". [83] 

Nur die links-liberale Exil-Journalistik bewahrt konsequent ihre Weimarer Linie. Das von Leopold Schwarzschild herausgegebene "Neue Tage-Buch" führt seinen deutschen Lesern die französische Demokra­tie als gut funktionierendes Modell vor. [84]  Sich zu den universali­stischen Grundwerten der westlichen Zivilisation zu bekennen, wie sie in den Prinzipien von Gewaltenteilung und Menschenrechten for­muliert waren, dazu bot sich an den symbolischen Daten der franzö­sischen Geschichte Gelegenheit. Der französische Nationalfeiertag, der 14. Juli wird in der "Pariser Tageszeitung" stets ausführlich gewürdigt und zwar deutlich mit der Tendenz, die Identität von de­mokratischem Staat und Volk, von funktionierender Demokratie und historischem Bewußtsein als vorbildlich herauszustellen: das Feh­len dieser Identität war ja das Hauptversäumnis der Republik von Weimar. [85]  Insbesondere die 150-Jahrfeiern der Revolution im Jahr 1939 gaben diesen beiden liberalen Zeitungen ausführlichen Anlaß, sich zur Realisierung der Idee von Demokratie und Menschenrechten noch einmal zu bekennen. Allerdings war nun die politische Lage in den Augen von Schwarzschild oder Theodor Wolff  schon so aus­sichtslos geworden, daß sie eine Übertragung der "französischen Zustände" auf Deutschland nicht mehr für möglich hielten, ja skep­tisch bis geradezu verzweifelt hinsichtlich der französischen Au­ßenpolitik wegen ihrer zu großen Nachgiebigkeit gegenüber Hitler waren. [86]

Nur in den Zeitschriften der unabhängigen Linken ("Clarté", "Die Zukunft") [87]  und von Heinrich Mann wurde noch 1939 an eine Übertra­gung der revolutionären Ideale auf Deutschland geglaubt: es waren Illusionen eher moralisch als realpolitisch Urteilender, die auch jetzt noch am revolutionären Frankreich-Bild festhielten. [88]  Wel­chen ideologischen Stellenwert diese "Ideen von 1789" aber auch für die Gegen­seite, die nationalsozialistische Regierung und die deutsche Besatzung hatten, wurde 1940 unterstrichen, als Alfred Rosenberg, als "Beauftragter des Führers für die weltanschauliche Schulung der NSDAP" einer der Hauptideologen des Dritten Reiches, in der Abgeordnetenkammer zu Paris den endgültigen deutschen Sieg über die Ideen von 1789, über "Liberalismus, Marxismus, Judentum, Freimaurerei ... Toleranz und grenzenlose Freiheit" verkündete. [89]  Aktiven Anteil an der nun folgenden "Umpolung" des französischen Kulturlebens hat auch Friedrich Sieburg, nun Botschaftsrat an der Deutschen Botschaft in Paris. [90]

Im Gegensatz zum "14. Juli" eignete sich Jeanne d'Arc, obwohl von Schiller zur Freiheitsheldin erhoben,  wenig als literarisches Symbol für die deutsche Emigration. Denn Jeanne d'Arc war vor 1939 in Frankreich von konservativen Gruppierungen zur Identifikations­figur gegen die Volksfront aufgebaut worden, was von der Vichy-Re­gierung konsequent fortgesetzt wurde. [91]  Nur Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger nutzten diesen Mythos literarisch, wobei sie ihn freilich derart auf ihre Absichten umfunktionierten, daß von der "französischen"  Geschichte der Allegorie wenig blieb. Denn gerade die patriotischen und nationalen Elemente lehnten diese beiden Au­toren ab, ließen sie nur taktisch in ihren Adaptionen des Stoffes zu. Brechts Stück "Die Gesichte der Simone Machard" (1942/43) ar­beitet die Figur der "Johanna" zur Klassenkämpferin um, was ihm allerdings dramaturgisch nur gelingt, weil er Simone als ein noch wenig bewußtes Kind darstellt, dem auch die patriotischen Visionen quasi als kindliche Phantasien durchgehen können. Für Feuchtwan­ger, dessen Roman "Simone" (1944) aus einer engen Mitarbeit an Brechts Stück entstand, ist diese Gestalt die Möglichkeit, sein negatives Frankreich-Bild aus den Zeiten der Internierung zu kor­rigieren, was allerdings nur um den Preis mancher historischer Ge­waltsamkeit (etwa der Ineinssetzung von "Johanna" mit der Franzö­sischen Revolution) zu erreichen ist. [92]

Der schon 65jährige Heinrich Mann lebte gewissermaßen sein Frankreich-Bild im Exil: er wurde ein deutscher homme de lettres, ja ein poète engagé vor Sartre, der sein image von Frankreich als politische Waffe wie als literarisches Motiv verwendete. Neben zahllosen tagesaktuellen Stellungnahmen schuf er in den zwei um­fangreichen Bänden der "Jugend und Vollendung des Königs Henri Quatre" (1935 u. 1938) sein literarisches Hauptwerk. Er verbindet in einem historischen Roman die geschichte Frankreichs mit der Ge­schichte seiner Gegenwart, d.h. den Bemühungen um die Volksfront. Sein König Heinrich IV. verkörpert schon lange vor der Französi­schen Revolution das, wofür "Frankreich" bei Heinrich Mann steht: die Verbindung von Macht und Geist. Henri Quatre ist ein engagier­ter Intellektueller auf dem Königsthron, [93]  der Menschenliebe mit militantem Humanismus durchsetzt. Seine milde und verzeihende "Macht­er­greifung" (der Einzug in Paris, 22.3.1594) ist gerade das Gegenteil jener des Jahres 1933: er verbreitet "eine Neuigkeit mit Namen 'Menschlichkeit'", und seine Gegner legen die Waffen nieder, "da man ihnen entgegenkam wie anderen Menschen auch". [94]  Der "gute König Henri" hat "Gewissensfreiheit erkämpft" und "den Unterbau der ersten Demokratie" gelegt. [95]  Dies ist unhistorisch wie vieles in diesem Buch, das dennnoch "Glücksfall eines historischen Romans" [96]  zu nennen ist. Nicht nur in Stoff und geistesgeschicht­licher Durcharbeitung ist es der einzigartige Versuch einer Sym­biose von Gegenwart und Vergangenheit, von Deutschland und Frankreich, sondern auch in der Sprache: am Ende der Kapitel sind (im 1. Teil) jeweils "moralités" in französischer Sprache einge­fügt, Lehren und Quintessenzen moralischer Art aus dem Handeln der Figuren, so daß man hier von einem "deutsch-französischen Bil­dungsroman" sprechen kann. [97]  Heinrich Manns  "Utopie der guten Au­torität"  war allerdings schon zu Lebzeiten widerlegt. Er war sich dessen auf sehr widersprüchliche Weise bewußt. In seinen fortdau­ernden Bemühungen um eine Synthese von  "Deutschland - Frankreich" oder von "Macht und Geist" sah er schon 1938 eine Verwirklichung, sprach - das Wort hatte noch nicht die spätere negative Bedeutung - von einer "collaboration intellectuelle et régulière franco-al­lemande", die sich etabliert habe. Das Beispiel, das er dafür nen­nen kann, ist freilich nur - er selbst: der deutsche Roman über ein Thema französischer Geschichte, der von einer Pariser Tages­zeitung wie eine "production nationale" begrüßt würde, ist natür­lich sein "Henri Quatre". [98]  Schon unmittelbar nach Kriegsbeginn gestand er in Briefen seine Enttäuschung ein: er sprach von einer "völligen Demütigung" für ihn und die Opposition gegen Hitler, da­von, daß die "Ereignise um vieles das übertreffen, was ich erwar­tet habe". [99]  Der Stolz auf seinen Roman, der ja auch eine weitge­hende Identifikation mit Frankreich beinhaltete, verband sich bei ihm mit Bitterkeit gegen manche Franzosen: "Nicht viele mitlebende Franzosen haben für Frankreich mehr getan als er (= H. M.) mit ei­nem Roman." Das Maß seiner politischen Fehleinschätzungen - oder  der literarischen Wunschbilder, die er für Wirklichkeit nehmen wollte - wird deutlich in seinen Erinnerungen, wo er die Verbin­dung von "Geist und Macht", für die auch sein guter König Henri stand, nun auf drei Politiker erweitert: "Kamerad Stalin, Roosevelt und Churchill ... diese drei Intellektuellen" hätten "die Ehre des Zeitalters ...  gerettet." [100]

 

[99] Brief an Louis Gillet vom 10. 9. 1939. Veröffentlicht von Al­brecht Betz: "Contre la Barbarie envahis­san­te". Quelques lettres inédites de Heinrich Mann et de Franz Werfel à Louis Gillet. In: Zone d'ombres, a.a.O., S. 173- 185; hier: S. 181

[100] Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird be­sichtigt. (1946) Rein­bek: Rowohlt (Nr. 1986) 1976, S. 315, 338

[101] Siegfried Kracauer: Die Angestellten. Frankfurt/M: Socie­täts Verlag 1930

[102] Siegfried Kracauer: Pariser Leben. Jacques Offenbach und seine Zeit. Berlin- Darmstadt - Wien: Deutsche Buchgemein­schaft 1962, S. 265, 289

[103] Zur Biographie: Thomas Lange: Sprung in eine neue Iden­tität. Der Emigrant Ernst Erich Noth. In: Jahrbuch Exilforschung Bd. 2, München 1984, S. 121-142

[104] Noth, Erinnerungen, a.a.O., S. 257

[105] La tragédie de la jeunesse allemande. Paris: Grasset 1934. (Bernard Grasset war auch der Verleger der französischen Über­setzung von Sieburgs "Gott in Frankreich?"). - Zur Rolle und Leistung Noths als Autor in französischen Zeit­schriften s.: Thomas Lange: Ernst Erich Noth als Vermittler zwischen deutscher und französischer Literatur. In: Revue d'Allemagne Bd. 18, 2/1986, S. 250 - 264

[106] Ernst Erich Noth: D'Orange à Mornas. La Quinzaine du Grand Mur. In: Les Nou­velles Littéraires, 7.8. 1937, S. 8

[107] Ernst Erich Noth: Un grand provencal: Edouard Aude. Les hommes du Nord et l'attrait du Midi. In: Les Nouvelles Litté­raires, 29.5.1937 - Vgl. auch Noths bewußt gegenläufige Nietz­sche-Interpretation: Nietz­sche et la Méditerranée. In: Le Feu, Revue Occitane de l'Humanisme méditer­ranéen. Nouvelle Série, Nr.2, Sept.-Oct. 1939, S. 73-79

[108] Petra Lingerat / Sybille Narbutt: Deutschland und die deutschen in den Ca­hiers du Sud 1933-1942. Mémoire de Maitrise d'Allemand. Juli 1983 (Typo­skript, 7 Bde.)

[109] Ernst Erich Noth: La voie barrée. Paris: Plon 1937. Erstmals deutsch, vom Autor übertragen: Stuttgart: Huber Frauenfeld 1982, S. 337, 349

[110] Frédéric Lefèvre: Une journée à Aix-en-Provence avec Ernst Erich Noth, ro­mancier allemand. In: Les Nouvelle Littéraires, 5.2.1938, S. 1 u. 6

[111] Zur geistesgeschichtlichen Einordnung s. Lange, Verratener Geist,a.a. O., S. 41 ff.

[112] Noth, Homme, S. 109 (zit. n. dem deutschen MS, Bl. 72)

5. Exilerfahrung als Paradigma der modernen Existenz: Ernst Erich Noth

Im Grunde endet mit Heinrich Mann die literarische Tradition des von Heine geprägten deutschen Frankreich-Bildes. Die wechselseiti­gen Stereotypien hatten eine reale Widerlegung erfahren, wie sie nicht brutaler sein konnte. Noch im Exil deutete sich die Möglich­keit zu einer weniger völkerpsychologischen, weniger starr dicho­tomischen deutsch-französischen Imagologie an, - Wege, die frei­lich nach 1945 kaum wieder aufgenommen wurden. Zwei Autoren mach­ten auf ungewöhnliche Weise Frankreich zum Thema.  Beide standen außerhalb der politischen und literarischen Gruppierungen des Exils, beide kannten einander noch aus Zeiten ihrer gemeinsamen Arbeit bei der "Frankfurter Zeitung": der eine als etablierter Feuilletonredakteur, der andere als junger Anfänger. Siegfried Kracauer, der spätere bedeutende  Filmhistoriker, Verfasser ein­drucksvoller Reportagen [101]  über den sozialen und kulturellen Wan­del einer ganzen Generation, schrieb im Pariser Exil eine "Gesellschaftsbiographie" über den Operettenkomponisten Jacques Offenbach, die er "Pariser Leben" nannte (1937). Fernab der übli­chen Klischees werden die Gesellschaft der 2. Republik und des 2. Kaiserreiches in Frankreich als Paradigma für die progressiven Ur­sprünge moderner Massenunterhaltung dargestellt: Offenbachs Ope­retten verkörpern "demokratisches Lebensgefühl" sind eine Kunst mit "revolutionärer Funktion". [102]  Bei Kracauer geht es auch in hi­storischem Gewand sozial konkreter zu, es bleibt nicht bei ab­strakten Deklamationen der "Ideen von 1789" oder einem "militanten Humanismus". Das Buch kann selbst als operettenhaft-leichte Vorah­nung jener genialen Mammutarbeit gesehen werden, die gleichzeitig Walter Benjamin in der Bibliothèque Nationale bei seinen Vorstu­dien zum "Passagenwerk" - "Paris - Hauptstadt des 19. Jahrhun­derts" leistete.

Konventioneller begann ein heute kaum noch bekannter Autor, von dem in den dreißiger Jahren aber mehr Bücher ins Französische übersetzt wurden als von Heinrich Mann: Ernst Erich Noth. [103]  Unter den emigrierten Autoren gehörte er zu denen, die noch ganz am An­fang ihrer Karriere standen, noch nicht durch Gewohnheit und Er­folg festgelegt waren und daher in der Emigration auch ein "Abenteuer" sehen konnten. [104]  Noth etablierte sich sehr rasch als Autor in französischen Zeitschriften, wobei er seit seinem gerade zum Massaker am 30. Juni 1934 erschienenen Buch über die "Tragödie der deutschen Jugend" als Fachmann für deutsche Angelegenheiten galt. [105]  Auch Noth folgte zunächst bestimmten Linien eines tradi­tionellen Frankreich-Bildes, wenn er die lateinischen Wurzeln des französischen Südens betonte, die "lecon de la civilisation lumi­neuse" [106] , die Verbindung von lateinischem und germa­nischem Geist, die im Midi Maß, Gleichgewicht und Harmonie, kurz die Elemente ei­ner menschlichen Zivilisation hervorbrächte. [107]  Er setzte sich selbst die Aufgabe, zwischen deutscher und französischer Literatur zu vermitteln, was er in zahlreichen Beiträgen für mehrere franzö­sische Zeitschriften realisiert hat, insbesondere auch als Redak­teur der avantgardistischen Kulturzeitschrift "Les Cahiers du Sud" - übrigens der einzige deutsche Emigrant in solch einer Position in einer französischen Zeitschrift. [108] 

Kennzeichnend für ihn ist ein Nebeneinander von fiktionalen, jour­nalistischen und essayistischen Texten. In einem autobiographi­schen Roman mit dem charakteristischen Titel "Weg ohne Rückkehr" schildert er einen Emigranten, der "bereit (ist), in der Fremde aufzugehen, vielleicht sich in ihr zu verlieren". Noth entwirft hier weder Utopie noch Idylle. Zwar heißt es beim Rückzug in die französische Provinz: "Alles atmete Frieden, Maß und Erfüllung," doch zugleich ist sich der Held bewußt, daß er nur  eine "Gnadenfrist" in einer Welt hat, die die "Todesfanatiker"  in Scherben schlagen würden, aus denen dann nicht unbedingt ein neues Haus zu errichten wäre. [109]  Dieser Roman war für Noth auch ein "Abschied" aus der deutschen Literatur, [110]  an den sich die Phase eines Übergangs in die französische Kultur und Sprache anschloß. Theoretisch fundiert wurde das in dem Essayband "L'Homme contre le Partisan" (1938). [111]  Hier wird der "Mensch", der (auch als Künst­ler) bewußt "ja" sagt zu den westlichen Demokratien, dem "Parteigänger" gegenübergestellt, der seinen Intellekt und seine Kreativität einer politischen Absicht unterordnet. Noth entwickelt hier frühe Formen einer Totalitarismusanalyse und ein eindeutiges Bekenntnis zur westlichen Demokratie: Er tritt dafür ein

"die Demokratie und alle 'gemäßigten' Staatsformen des heutigen Europa als den Ort zu bezeichnen, wo sich die konstituierenden Ei­genschaften des Menschengeistes noch am freiesten und deshalb am wirksamsten und authentischsten entfalten können, und die durch ihr bloßes Vorhandensein der Menschheit noch die größten freiheit­lichen Entwicklungsmöglichkeiten garantieren". [112] 

 

[113] Julien Benda: La civilisa­ion pourrait périr aussi par une certai­e paix. In: Europe nouvelle, Nr. 1090 vom 31.12.1938, S. 674/5 - ders.: Du role des Clercs dans la cité. In: Europe nouvelle, Nr. 1062 vom 18.6.1938, S. 645/6 und Nr. 1063 vom 25.6.1938, S. 674/5

[114] Ernst Erich Noth: Der Ein­zel­gänger. Roman. Zürich: Schwei­zer Spiegel-Verlag 1936; franz.: Un homme à part, Paris: Plon 1938

[115] Ernst Erich Noth: Vierzehn Tage im Lager. In: Pariser Tages­zeitung Nr. 1225 vom 12.10.1939, S. 2

[116] Vgl. Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich. Merkwürdig­keiten und Denkwür­digkeiten. Bremen: Schünemann 1971, S. 44

[117] Ernst Erich Noth: L'Alle­magne exilée en France. Paris: Bloud et Gay 1939, S. 42

 

 

 

 

 

 

 

 

[118] Ernst Erich Noth: Le désert. Paris: Gallimard 1939, S. 54 ff. (Eigene Übers.)

Noth schließt sich hier einer Position an, die Julien Benda in seiner "Trahison des clercs" 1927 definiert hatte: die Unabhängig­keit der Intellektuellen zugleich mit der Verpflichtung zu morali­schem Engagement zu verbinden, aber mit dem Verbot, sich in den Dienst einer politischen Partei zu stellen. Während Benda aber nach der Konferenz von München auch die "clercs" zum Engagement gegen die Hitler-Diktatur aufrief, [113]  behält Noth seine Position des Nicht-Engagements bewußt bei. Er kultivierte schon lange die Position eines "Einzelgängers" [114]  und ging in seiner Loyalität für seine kulturelle Wahlheimat Frankreich so weit, auch die Internie­rungslager des Jahres 1939 gutzuheißen: "niemand (könne sagen), daß man dort unglücklich gewesen sei." [115]  Noch im November sprach der - vorzeitig entlassene [116]  - Noth von Frankreich als einer "terre d'asile: une patrie humaine, juste". [117] 

Dieses doch propagandistisch-gefällige Bild wird in der Kunstform des Romans sehr viel differenzierter entfaltet. "Le désert" (Die Wüste, 1939) wird sein erstes, gleich auf Französisch niederge­schriebenes Buch: der einzige Fall in der deutschen literarischen Emigration, daß ein Autor mit der Absicht rückhaltloser Integra­tion ins Französische wechselte. Dabei sind hier weniger die Hand­lung oder die Motive des Romans kennzeichnend für eine neue Quali­tät des Frankreich-Bildes als die bewußt eingesetzte Disparität von Form und Inhalt, von französischer Sprache und deutschen Hand­lungstopoi. Eine Reflexion über die deutsche und französische Sprache nimmt denn auch eine zentrale Stelle im Roman ein. Der Sprachwechsel erfüllt für den Helden, den 30jährigen Emigranten Walter einen doppelten Zweck: einmal ist es eine Flucht:

"ich entziehe mich aber der Gegenwart, so wie sie ist und wie sie erscheint, indem ich mich weigere, eine Sprache zu sprechen, die nicht mehr den universellen Ausstrah­lungen des Nationalgeistes dient".

Zum andern begibt er sich "in die nüchterne Tugend einer fremden Sprache", der "Klarheit und Genauigkeit angeboren" ist, die nicht mit "falschem metaphysischem Anspruch" daherkommt wie das Deut­sche. Noth beruft sich also hier auf das traditionelle Stereotyp, wenn er den dem Französischen eigenen "Geist" der Rationalität hervorhebt; außerdem begibt er sich mit der bewußt verwendeten fremden Sprache in reflektierende Distanz, denn: die fremde Spra­che "wird mir nie erlauben, mich selbst zu belügen; ich muß extrem bewußt mit ihr umgehen, mich bei jedem Wort überwachen". [118]  Er nimmt also nicht automatisch mit der französischen Sprache eine höhere Erkenntnisfähigkeit an, sondern die kommt ihm allenfalls zu, weil er seine zweite Sprache bewußt verwenden muß.

 

[119] Noth, Désert, S. 16,115

 

 

 

 

 

 

 

[120] Noth, Désert, S. 75, 175

 

 

 

[121] Hans Natonek: Die Wüste. In: Das Neue Tage-Buch, Nr.9, vom 2.3.1940, S.212-213. - Sonstige deutsche Rezensionen sind mir nicht bekannt: das Er­scheinungsda­tum war wahrhaft ungünstig.

[122] Pierre Mille: L'Allemand qui écrit en francais. In: La Dépêche de Toulouse, 1.3.1940. - Louis Gillet in: Les Nouvelles Littéraires, 13.10.1940.

Die Sprache des Romans distanziert sich in gewisser Weise vom In­halt, der psycho­logische Sentimentalität und manche Klischees nicht immer vermeidet. Die Handlung ist ereignisarm. Der Emigrant Walter hält die politische Aktivität seiner Mitexilanten für illu­sorisch, er zieht sich in die Einsmkeit von Forschungen über den 30jährigen Krieg zurück. Sich selbst sieht als "unbewegten Zeu­gen", der "kalt und distanziert" das "Ende einer Welt" beobach­tet. [119]  Die Menschen um ihn suchen ihr Schicksal selbst tätig zu gestalten. Der unablässig aktive und optimistische Kommunist denkt nur strategisch, kalkuliert mit Anderen für die Ziele seiner Par­tei, für die er sich aufgibt. Die übrigen Personen scheitern in Selbstmord, Fremdenlegion, Rückzug ins Kloster, Der Held steigert sich in eine Vereinsamung, die auch kurze Liebesabenteuer nicht aufbrechen können und bringt sich schließlich um.  Das Besondere des Romans scheint mir darin zu liegen, daß die situationsbezogene Vereinsamung des Emigranten - zwischen Parteien, Menschen, Kul­turen - zu einer existenziellen umgestaltet wird. Dazu  trägt das Französische insofern bei, als es eine Tendenz zur Universalisie­rung persönlicher Erfahrung verstärkt. So wird aus dem in Frankreich isolierten Deutschen unter der Hand der isolierte Ein­zelmensch der Moderne: "Dans ce monde, on n'est pas partout chez soi; on est partout seul avec soi" [120] heißt es einmal. Entpersönli­chung und Entfremdung sind Kennzeichen des Exils, aber die Be­schreibung der "Seele im Exil" endet nicht mit dem Bild des "Gefängnisses", sondern mit dem eines "ungeheuren freien Raumes", in dem die  von allen Bindungen befreite Seele geradezu "verdampft". 

Die absolute Freiheit und Bindungslosigkeit des Helden wie seine Distanz zu seinen Mitmenschen erinnern vom Lebensgefühl her an Sartres (ein Jahr früher im gleichen Verlag erschienenen) Roman "La nausée". Diese existenzielle Radikalität wurde nicht verstan­den. Die deutsche Emigration rezipierte Noths Roman nur als poli­tische Aussage, warf ihm Defätismus und eine Artistik der Ver­zweiflung vor. [121]  Auch französische Kritiker sahen es nur als Aus­sage über deutsche Emigranten, fanden es "décourageant" oder zogen - klassisch gebildet - Bezüge zum Selbstmord von Goethes "Werther". [122] 

 

[123] Bestes Zeugnis dafür ist Jean Giraudoux' Berlin-Buch: Rues et visages (1930). Neuauf­lage: Berlin 1930 - Straßen und Gesichter. Nördlingen 1987

[124] Noth, Guerre pourrie, S. 107; dort S. 108 ff. auch über seine Arbeit im Mi­nisterium von Girau­doux. Weitere Berichte von Robert Minder: Begegnungen mit Al­fred Döblin. In: text und kritik 13/14, 1966, S. 57-64. - Leo Lania: The Darkest Hour. Boston 1941, S. 20 ff.

[125] Z.B. 1954 (Sieburg, der Pres­­se­attache während der Be­satzung in Paris über sich): "ein Deut­scher, der nie eine feind­selige Hal­tung gegen Frankreichg be­gan­gen..." - 1991 wurde das Buch in Frankreich neu aufgelegt. Die Reaktion der französischen Pres­se war ironisch-ablehnend. Vgl.: Joseph Hanimann: War Gott Franzose? Stimmen zu Friedrich Sieburgs in Frankreich neu aufgelegtem Buch. In: FAZ Nr. 160, 13.7.1991

[126] Vgl. Rowohlt Literatur Magazin 28: Französische Zu­stände. Reinbek 1991. Darin: Lothar Baier: Pariser Dörfer, S. 30-37; Jürgen Ritte: An Absender zurück. Ansichtskarten aus Frankreich. S. 51-60; Hier: S. 60

Als Satyrspiel sei eine Episode nachgetragen, die noch einmal die "Imagologie" in der politischen Praxis zeigt, wenn es auch nun um das französische Bild von Deutschland geht (das aber ebenso eng an das deutsche Frankreich-Bild gekoppelt ist wie umgekehrt). Bei Kriegsbeginn war in Paris ein Ministerium für Information einge­richtet worden, das vor allem Gegenpropaganda zu betreiben hatte. Es wurde geleitet von dem Diplomaten und Schriftsteller Jean Giraudoux, der die Creme der französischen Germanistik zu sich be­rief: Edmond Vermeil, Robert Minder, Pierre Bertaux. Dazu kamen deutsche Emigranten, darunter Alfred Döblin und Ernst Erich Noth. Giraudoux war als Autor eines Romans über das Thema Deutschland - Frankreich qualifiziert: "Siegfried oder die zwei Leben des Jac­ques Forestier" (1922). Dort hatte er versucht, in der Person sei­nes Helden die beiden traditionellen images zu versöhnen: der Franzose Forestier wird zum Deutschen "Siegfried von Kleist", ver­eint deutschen Irrationalismus und französische Logik in sich. So geistreich und zugleich im Bereich des geistigen Ideenspiels ver­bleibend wurde auch die Propaganda gegen die deutsche Wehrmacht angelegt. Die wohlstilisierten Essays der Germanisten und Autoren gingen wohl ebenso über den Verstand der deutschen Landser wie die Lautsprecher-Propaganda an der Front mit den umgedichteten Volks­liedern oder dem Siegfried-Motiv wohl buchstäblich über ihre Köpfe hinwegrauschte. Die französischen Deutschland-Spezialisten hatten die moderne Massengesellschaft noch nicht soziologisch oder psy­chologisch analysiert, sondern nur ästhetisch und moralisch be­trachtet. [123]  Davon abgesehen, daß die deutschen Soldaten, wie Noth von Gefangenen-Vernehmungen berichtet, sowohl siegessicher waren wie von der Überlegenheit ihrer Sache wie ihrer Armee überzeugt. [124]

Nach 1945 gab es kaum literarische Werke, die an Heines (oder Heinrich Manns) Frankreich-Bild anknüpften. Am tiefsten eingeprägt hatte sich offenbar Fried­rich Sieburgs im Kern arrogante Idyllisierung. Sie entsprach wohl auch dem Bedürfnis nach Vergessen der Besatzungszeit, über die Sieburg in den Neu­auflagen seines Bestsellers nach dem Krieg mit beschönigendem Vor­wort hinweggeht. [125]  Ob das Heinesche Bild heute wieder auflebt (wie Lothar Baier behauptet) oder ob, angesichts erneuertem französi­schen Mißtrauens gegenüber dem  wiedervereinigten Deutschland nun die Deutschen "inzwischen die besseren Franzosen" sind, das kann hier nicht entschieden werden. Nur die Ausdauer der "Imagotype" gegenüber der Realität soll konstatiert werden. [126]

 

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© Kicińska/Lange 2002-2005

Kontakt T. Lange

Erlebte Geschichte. Ein Entwicklungsbericht über (fast) 20 Jahre deutsch-polnische Jugendbegegnungen

Wiesława Kicińska, unter Mitarbeit von Thomas Lange

 

Der folgende Bericht beruht auf Erinnerungen der Teilnehmer. Für die ersten – fast 10 - Jahre liegen von den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen und Lehrern der Bertolt-Brecht-Schule  in Darmstadt ausführliche schriftliche Berichte der Teilnehmenden vor, eine einzigartige authentische Quelle. Ansonsten müssen Erin­nerungen und Aufzeichnungen der beteiligten polnischen und deutschen Lehrkräfte aushelfen. Die Zitate beziehen sich  auf die in der Bertolt-Brecht-Schule vorliegenden Berichtshefte (mit Jahres- und Seitenzahlen, die dann angegeben sind, wenn Berichte durchpaginiert sind) bzw. dann auf die für das Deutsch-Polnische Jugendwerk abgefassten Sach- und Kurzberichte. - Da der eigentliche „Austausch“ mit wechsel­sei­tigen Besuchen erst im Jahr 1988 begann, können die vorangehenden Jahre allein aus deutscher Perspektive geschildert werden. – Für die gewährte Hilfestellung bedanken wir uns beim Deutschen Polen-Institut in Darmstadt.

 

Erstveröffent­lichung in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, H.3-4/2002, S.194-205.

 

1. Am Beginn: Neugier und Schuldgefühle

Niemand weiß mehr ganz genau, wie es konkret begann. Da gab es an der Bertolt-Brecht-Schule, einer gymnasialen Oberstufenschule in Darmstadt, einen Lehrer, der als Student schon mal nach Polen gefahren war. Außerdem stellte ein Busunternehmer der Gesamtkonferenz die Möglichkeiten einer finanziellen Förderung von Studienfahrten nach Polen durch die Robert-Bosch-Stiftung vor, die den Aufenthalt deutscher Schüler (und natürlich auch die Fahrten des Unternehmers) zur Hälfte bezahlen würde. Ohne große Mühe fanden sich im Jahr 1983 36 Schülerinnen und Schüler sowie 4 Lehrerinnen und Lehrer, die das Abenteuer wagten, denn ein solches war es noch in Zeiten der West-Ost-Auseinandersetzung. Ihre Motive? Neugier, auch die auf einen sozialistischen Staat; Bereitschaft, sich der deutschen Vergangenheit, d.h.: der auf polnischem Boden begangenen deutschen Verbrechen zu stellen; Distanz zur heimischen Gesellschaft, deren Arbeits- und Konsumorientierung viele Schüler kritisch gegenüber standen. (Bei der Bundestagswahl 1983 war die Partei der „Grünen“ auf Anhieb in den Bundestag gewählt worden.) In den achtziger Jahren war es nie schwer, genug Teilnehmer – fast immer an die 40 - für die Fahrten nach Polen zu finden. Viele waren motiviert durch den Wunsch, anders – „alternativ“ - zu sein, sich von Eltern und Altersgenossen im Anpassungs - Mainstream zu unterscheiden.

 

 

Im Gemeinschaftskunde-Unterricht wurde dieses erste Unternehmen intensiv vorbereitet, denn es war eine Expedition in andere politische Systeme. Die Fahrt begann zunächst mit dem Durchqueren der DDR. Ein „tolles Gefühl, in diese Richtung zu fahren“ (1983/ 13) notierte ein Teilnehmer, aber der Gesamteindruck war doch: grau, trostlos, die  Grenze schien ein Gefängnis einzuschließen, weckte – wie das herrische Verhalten der ostdeutschen  Grenzbeamten – Aggressionen. DDR-Grenzer erschienen wie Gestapo-Beamte (1985/ 91) Einmal musste an der Grenze eine Schülerin umkehren, obwohl sie legal  mit ihren Eltern aus der DDR „ausgereist“, nicht: geflüchtet war. (1985/4) Erleichterung machte sich auf der Rückfahrt in einem merkwürdigen „Nationalgefühl“ Luft: „Kaum hatten wir den Grenzübergang [DDR – BRD] überfahren, erhob sich im hinteren Teil des Busses ein lautes Klatschen und Ausrufe wie ‚Endlich wieder deutschen Boden unter den Füßen‘, waren zu hören. Die ersten bissigen Bemerkungen über Polen fielen.“ (1985/ 7)

Die DDR wirkte, als sei hier die Welt vor 20 Jahren stehen geblieben. Es gibt keine Hektik, dafür alte Mopeds. (1983/ 15) Der Eindruck einer „Gegenwelt“ setzte sich in Polen fort: es gibt keine Werbeplakate in den Straßen. „Man kann gemütlich durch die Straßen laufen, ohne Hamburger, Cola oder das allerneueste Waschmittel (das natürlich weißer wäscht als alle anderen) angepriesen zu bekommen.“ Die Kosten für die Werbung werden gespart, die Auswahl an Waren ist klein, „aber es scheint doch alles vorhanden zu sein, außer ein paar Kleinigkeiten, die nicht unbedingt lebensnotwendig sind.“ (1983 / 92)

 

 

Dass es unter der Oberfläche Unterschiede gibt, wird allerdings bald genauer beobachtet: das Taschengeld für deutsche Schüler entspricht (umgerechnet) fast dem Gehalt von polnischen Erwachsenen; eine Strickjacke kostet ein Monatsgehalt;  Urlaub, Kino Fernsehen sind zentral gesteuert, ohne Auswahl. In diesen Jahren laufen in der BRD Hilfspaketaktionen für das wirtschaftlich krisengeschüttelte Polen an. Auch das Gepäck der deutschen Schulreisenden enthält Kaffee, Nylonstrümpfe, Kosmetik und andere Konsumgüter. Eine zufällige Begegnung mit einer polnischen Schülerin aber erschüttert das westdeutsche Selbstbewusstsein. Einmal äußert sie stolze Abwehr von Mitleid: Mit den Paketaktionen „beruhigt ihr doch wohl nur euer Gewissen, während wir genauso gut ohne euren Kaffee leben können“. Zugleich aber sagt sie: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Geld  alle Schwierigkeiten beseitigt. Ihr könnt doch gar keine Probleme haben.“ (1983/7-8)

 

 

Die „alternativen“ deutschen Schülerinnen und Schüler müssen es aushalten, in teuersten Hotels (eben: für Ausländer) untergebracht zu werden. Der System­unterschied – Zwangsumtausch und illegale Wechselkurse zu Gunsten der Ausländer - wird nicht durchweg als angenehm erfahren. Es kann ein ungutes Gefühl sein, als Westdeutscher durch die Stadt zu gehen und sich alles leisten zu können. „Es war manchmal schon peinlich Deutsche zu sein.“ (1985/ 83) „Im allgemeinen wurden wir aber von Fremden wohl wegen unseres Geldes (Devisen) wie etwas ganz Besonderes behandelt, was uns oft unangenehm war.“ (1988/52) „Reich sein in Polen!“ wird ein ironisches Motto: „Der Nachteil ist nur, dass man für die eingetauschten Zloty nichts kaufen kann, außer Essen, Trinken und Taxifahren.“ Schließlich das nüchterne Resümee: „Man verliert jedes Verhältnis zum Geld.“(1988/ 53f.) Und : „Für dieses Land braucht man schon etwas Feingefühl.“ (1985/ 87)

Das wird erleichtert durch eine immer wieder bemerkte Gastfreundschaft und Offenheit „die jegliches westliche Maß zu sprengen drohte“(1985/ 65). Die Polen sind „Meister im Organisieren“: In den Läden gibt es zwar nichts zu kaufen, aber zu Hause reich gedeckte Tische. Die deutschen Schüler überlegen sich Strategien, um zu verhindern, dass sie von ihren polnischen Gastgebern – trotz deren Mangel an Geld - in den Cafés immer eingeladen werden (1989/19f.)

 

 

Die eigene Wirklichkeit relativiert sich im Kontrast mit der fremden: Man lernt etwas über sich selbst. Bei einem Gespräch in einer Familie kritisiert eine deutsche Lehrerin die Allgewalt der Medien in der Bundesrepublik; ihr wird die Langeweile der verordneten Fernsehprogramme entgegengehalten. Das 1981 von General Jaruzelski gegen die gewerkschaftliche Opposition der Solidarnosc verhängte Kriegsrecht war im Sommer 1983 zwar aufgehoben worden, die Gewerkschaft – sie hatte 10 Millionen Mitglieder! – aber immer noch verboten. Noch regiert eine Militärdiktatur, die eine Invasion durch die UdSSR verhindern soll; Abneigung gegen „die Russen“ wird offen artikuliert. Man entdeckt gemeinsame Kritikgegenstände: die Verschmutzung der Umwelt in der BRD wie in Polen. „Plötzlich stellen wir alle vier lachend fest, dass wir uns mitten in einem Wettbewerb befinden: wo ists schlimmer?“ (1983/ 72).

 

 

Umweltthemen dominieren bei der Jugend  der BRD in der 80er Jahren. Was die Umwelt in Polen angeht, so wirken vor allem die obligatorischen Werksbesichtigungen äußerst desillusionierend. Beim petrochemischen Werk in Płock laufen Schwefel und Öl aus undichten Leitungen (1989/37). In der Lenin-Hütte in  Nova Huta werden erst mal die Fotoapparate abgenommen, in der Erinnerung bleiben blattlose Bäume und die unglaubhafte Behauptung des Werksführers, dass das Wasser sauberer in die Weichsel eingeleitet wird  als es von dort entnommen werde (1988/ 38). Solche offiziellen „Potemkiaden“ reizen Jugendliche zum Zynismus: „Polen wird die Lenin- Hütte solange benutzen, bis sie auseinander fällt oder bis niemand mehr wegen der Luftverschmutzung dort arbeiten kann. Da kann man wirklich zu dem Schluss kommen: Armes Polen!“ (1988/ 40) In Płock scheint kein Haus mit frischer Farbe gestrichen. „Unsere Pflicht, den Polen zu helfen, Umweltprobleme in den Griff zu bekommen“ (1989/37) schließt ein Schüler resolut.

 

[1] Zu Studienfahrten gibt es wenig didaktische Literatur. Zu den ambivalenten Erfahrungen von jugendlicher Alltagsneugier und politischem Bildungsauftrag vgl.: Thomas Lange: Reisen bildet - oder: "Ich hatte es mir schlimmer vorge­stellt". Studienfahrt nach Prag: Bildung, Erfahrung und  die gegenwärtige Vergangenheit. - In: Diskussion Deutsch, H. 96, 1987, S. 393-407

2. Bildungsziel Auschwitz

Natürlich werden hinter diesen Alltagsbeobachtungen die offiziellen Bildungsziele dieser gymnasialen Studienfahrten nicht aus den Augen verloren [1]: die polnische und die deutsche Geschichte. Immer ist ein Teil der Fahrt Besichtigungen vorbehalten: die Marienkirche in Krakau, die Altstadt in Warschau, in Thorn. Diese Ziele bieten nicht nur Kontraste, sie bewirken auch welche. Die Kunst- und Kulturgeschichte wird ehrfürchtig beeindruckt wahrgenommen – in Krakau der Marienaltar, ein „eindrucksvolles, fast erdrückendes Werk“, die abbrechende Trompetenmelodie vom Turm der Marienkirche „etwas Besonderes, Seltenes.“ (1985/ 13). Der Anteil persönlicher Anmerkungen hierzu beschränkt sich meist auf neutrales Staunen. Anders ist es bei der Begegnung mit den Erinnerungsstätten des NS-Terrors: da wird manchmal ganz neutral berichtet, Fakten zusammengetragen über die Erweiterungsphasen von Auschwitz, die Zahlen der Toten, oft unkommentiert, als hätte es die Sprache verschlagen. Es ist nicht untypisch, dass Jugendliche allzu bewegende Emotionen verbergen. „Ich habe mir gleich die Tränen weggewischt, weil ich nicht wollte, dass die andern sie sehen.“ (1985/ 29) Es gibt Versuche sich an das Unbegreifliche anzunähern: „Was man vorfindet ist ein Friedhof ohne Gräber. ... Was macht der gebildete, informierte Schüler hier mit seiner BILDUNG???“ (1985/ 24) „Dabei erinnere ich mich an das open-Air-Concert auf dem Nürburgring – 75000 Menschen – alle ihre Haare auf dem Kopf – die Brille auf der Nase – die Schuhe an den Füßen – alle mit Freuden und Sorgen ... überkam mich leichte Übelkeit bei dem Gedanken, daß weit über 40mal so viele Menschenleben in Auschwitz-Birkenau – einfach so – weggewischt wurden.“ (1985/ 25) Es gibt schockierende Begegnungen: Eine Polin mittleren Alters zu Mitschülerinnen: „Guckt euch mal an, was ihr Deutschen hier angestellt habt!“ (1985/39) Dann wieder eine Verständnisbarriere: Eine Polin drückt einer Schülerin beim Betreten des Lagers einen Blumenstrauß in die Hand. „Ob es nun ein Zeichen der freundschaftlichen Annäherung war oder eine Aufforderung Reue zu zeigen, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Sie sprach sehr hektisch in polnischer Sprache, die ich ja nicht verstehe, auf mich ein und zwang mir einen Blumenstrauß geradezu auf.  Ist dies eine diskretere Art wie im obigen Beispiel?“ (1985/ 39) Manche der Begegnungen mit dieser Vergangenheit verlaufen eher schweigend, so wenn ein Stadtführer in Krakau seine auf den Arm tätowierte Häftlingsnummer zeigt und zugleich betont, er wolle „die junge Generation der Deutschen nicht mit zuviel Erinnerung an die Vergangenheit belasten.“ (1991)

 

 

Die Verinnerlichung sekundärer Schuldgefühle verzerrt die Wahrnehmung und belastet sie. Eine Schülerin beschreibt, wie unangenehm sie sich fühlt, wenn sie sich als Deutsche identifiziert glaubt. „Manchmal ist es entsetzlich, wenn die Menschen mich feindselig anstarren oder wenn die Frauen aus der Straßenbahn in dem verächtlichen Ton, den ich mir vorstellen kann, zu mir ‚Deutsche‘ sagen. [...] Immer diese Angst, etwas zu tun oder zu sagen, was jemand als Diskriminierung der Polen ansehen könnte. Bei mir ist durch diese verkrampfte Situation überhaupt erst ein stärkeres Gefühl  der Unterschiede zwischen mir als Deutsche und polnischen Menschen zustande gekommen. Sich nicht mehr als Individuum unter Menschen zu fühlen, sondern schrecklicherweise als Mensch verbunden mit einer Kultur, von der ich geprägt wurde, zu der ich aber nichts beigetragen habe. Ich habe mir oft überlegt, wie müssen sich Auslände erst hier, in dem ausländerfeindlichen Staat [BRD] fühlen, denn an sich sind mir in Polen mehr gastfreundliche, liebe Menschen begegnet.“ (1985/ 75) Andere begegnen diesem Kulturkonflikt mit überbetonter Sachlichkeit, seitenlangem Abschreiben der KZ-Gräuel aus Büchern, oder mit einem Gedicht: „Vom Himmel zur Hölle, Luftlinie dreiundfünfzig Kilometer – In der Marienkirche Krakaus/ fließt das schöne Haar der Jungfrau [...] Saras Haar, in Auschwitz / gewaltsam vom Kopf geschnitten“ (1989/ 62). Manches wird, gerade im Bereich der katholischen Kirche, als befremdlich beobachtet, etwa im Wallfahrtsort Czestochowa: auf einem Bild ist eine Abtreibung zu sehen, auf einem andern Kindermord in Auschwitz. Für diese Gleichsetzung haben deutsche Schüler kein Verständnis (1985/ 79)

 

 

Trotz all dieser Erlebnisse, auf die die Schüler durch das Studium von Texten über die deutsche Besatzungspolitik in Polen, durch Filme über Vernichtungslager vorbereitet wurden, machen sie wiederum die Erfahrung, dass sie - entgegen manchen Erwartungen -  in Polen „oft überaus freundlich aufgenommen“ werden (1988/51). Manche können nicht glauben, dass dies auch ehrlich gemeint ist: „Höflichkeit wird nur gespielt, um sich bei uns einzuschmeicheln“ (1985/84) Aber bei den Jugendlichen setzt sich auch immer stärker das Bewusstsein durch: Wir sind eine andere Generation. „... auch die polnischen Jugendlichen haben all das nicht erlebt. Warum leben sie weiter in der Vergangenheit und mit den Erinnerungen und Denkmälern anstatt etwas dagegen zu tun und neue Kontakte aufzubauen.“ (1985/84) Es gibt eine Art Generationskonflikt zwischen älteren Polen und jungen Deutschen. „Die Polen haben in ihrer Jugendzeit oder auch als Ältere diesen Holocaust erlebt und in den vergangenen vierzig Jahren versucht, diese Vergangenheit zu bewältigen, falls sie überhaupt zu bewältigen ist. Mir kam es in Polen so vor, als würde das gleiche von uns verlangt. Aber wie kann ich eine Vergangenheit bewältigen, wenn ich sie gar nicht erlebt habe? Sollte ich nicht eher versuchen ... Freunde zu finden, damit so ein Wahnsinn nie, nie wieder passiert?“ (1985/ 39)

Manches geschieht zwischen jungen Leuten spontan. Bei einem organisierten Schulbesuch in Krakau, ordnete der Direktor getrenntes Sitzen von polnischen und deutschen Schülern an. Nach dem Vorschlag eines deutschen Schülers, sich untereinander auszutauschen: „Sogleich gingen wir, die wir uns vorher überhaupt noch nicht gesehen hatten, mit so einer Spontaneität aufeinander zu, wie ich es bisher noch nie mit Ausländern erlebt hatte."“(1985/40)

Im Jahr 1986 fällt die Fahrt nach Polen aus: Die Ausmaße der Atomkatastrophe in Tschernobyl ließen es nicht ratsam sein, sich allzu weit in den geografischen Osten zu begeben.

 

 

3. Gegenseitigkeit: Schüler- und Lehrerbegegnungen im Austausch

1987 aber brach  eine neue Epoche an. Die Städte-Partnerschaft zwischen Płock und Darmstadt wurde angebahnt, parallel begannen erste Gespräche zwischen dem Liceum Ogólnokształcące im. Władysława Jagiełły und der Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt mit dem Zweck, mit einem formellen Vertrag eine Schulpartnerschaft zu begründen. Am 28. September 1988 war es dann so weit: Beide Schulen schlossen eine „Vereinbarung über Zusammenarbeit und Austausch der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrerinnen und Lehrer“ ab.  Irritationen werden auf polnischer Seite nur dadurch hervorgerufen, dass die Darmstädter Delegation darauf besteht, Personalpronomina jeweils gleichberechtigt mit männlichen und weiblichen Endungen im Vertragstext mit einzuführen. (1988/13) Es war die erste Schulpartnerschaft in Płock und eine der ersten, die von einer deutschen Schule mit einer polnischen eingegangen wurden.

 

 

 

 

[2] Dieter Bingen: „Tausend Jahre wechselvoller Ge­schichte“. In: Bundes­zentrale für Politische Bildung (Hg.): Polen. Informationen zur politischen Bildung Nr. 273. Bonn 2001, S. 3-14; hier: S. 13.

 

Der Vertragstext spiegelt den Geist einer Zeit, in der bewusst Geschichte gemacht wurde, in Polen wohl mehr als in der BRD. (Zur Erinnerung: Es war das Jahr zweier Streikwellen in Polen sowie der Idee  des „Runden Tisches“, an dem ein Jahr später kommunistische Regierung und die Opposition der „Solidarność“ den „evolutionären Systemwechsel“ [2] vorbereiten sollten.) Die „Vereinbarung über Zusammenarbeit und Austausch der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrerinnen und Lehrer“ zwischen den beiden Schulen beruft sich eingangs auf die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von 1975, die den Grund für die „Realisierung der didaktischen und pädagogischen Ziele“ legen soll. Gedacht ist hier wohl vor allem an Kapitel VII, das neben „Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ auch „Gedanken-, Gewissens-, Religions- oder Überzeugungsfreiheit“ als Prinzip festlegt. Außerdem wird eine ausdrückliche „Übereinstimmung“ mit den Zielen der 1974 von der UNESCO verabschiedeten „Empfehlungen über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Weltfrieden“ formuliert. Solch ein erhabenes Dach brauchte es, um Selbstverständliches (aber das war es eben damals noch nicht) festzulegen: „gegenseitiges Kennenlernen der Lehrerinnen und Lehrern und der Schülerinnen und Schülern, Austausch von Informationen, fachlichen und pädagogischen Erfahrungen“. Der Austausch sollte sich beziehen auf Schule und Stadt, Geschichte, Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Kultur beider Völker. Wettkämpfe, Studienfahrten, Freizeiten werden genannt, Austausch von Informationen, Büchern und Lehrbüchern, Ergänzung des Unterrichtsprogramms durch Material und Lehrmittel der Partnerschule. Ausdrücklich wird festgelegt, dass es sich um einen „gegenseitigen und devisenfreien Austausch von Schulgruppen“ handeln soll, bei dem „An- und Abreise von den besuchenden Gruppen getragen [...] Unterkunft, Verpflegung und Taschengeld von der einladenden Seite übernommen“ werden sollen.

 

 

Die Folgen für den Begegnungsalltag sind zunächst auf ganz praktischer Ebene einschneidend: Die deutschen Schüler wohnen nun nicht mehr in Hotels, sondern im schulischen Internat, das dem Jagiełło-Gymnasium angeschlossen ist. Ein ambivalentes Erlebnis: man fühlt sich zwar nicht mehr „wie die Bonzen“, lernt die wirklichen polnischen Verhältnisse kennen (die sind nicht sehr komfortabel), und ist sich zugleich bewusst, mehr Freiheit als die polnischen Schüler zu haben „was den Zeitpunkt, an dem wir nachts hier einzulaufen hatten, betrifft“. (1988/17) Zugleich haben die deutschen Schülerinnen und Schüler das Gefühl, „dass die polnischen Schüler wesentlich mehr Engagement an den deutsch-polnischen Kontakten zeigten.“ (1988/22) Beim gemeinsamen Ausgehen wird die polnische Musikszene wahr­genommen. Rockmusik, die „im Gegensatz zu anderen Ausdrucksmitteln wie Literatur und Kunst schlechter kontrollierbar ist. Mit Rockmusik kann man leichter Emotionen vermitteln, die nicht wie in der Literatur oder Kunst zensierbar sind.“ Ein „Gefühl von Geborgenheit und Stärke“ wird durch emotionale Übereinstimmung bei Rockkonzerten erzeugt.(1988/56)

 

 

Die zweite Gruppe ein Jahr später notiert penibel, dass die Zimmer im Internat nur 3 auf 4 Meter messen, darin aber 5 Betten stehen, dass nur zwei Duschen und 10 Waschbecken pro Stockwerk zur Verfügung stehen, die Toiletten nicht abzuschließen sind, Mangel an Toilettenpapier herrscht (1989/ 42).

Der Austausch der Städte wird nun offiziell. Das „Darmstädter Echo“ berichtet am 1.8. 1988 über den ersten Besuch polnischer Lehrer und Schüler in Darmstadt. Noch dominieren die Beobachtungen zum Unterschied des Lebensstandards: Für Gebrauchtwagen und Wohnungen “in Polen rechnet man in Spar- und Wartejahren, wofür wir Monate veranschlagen“. Die gleiche Zeitung berichtet am 10.8.1988 über einen Artikel, der in einer Zeitung in Płock über Darmstadt erschienen ist. Darmstadt wird als Schlafstadt mit Vorortzug nach Frankfurt geschildert; eine Stadt, deren Blütezeit 100 Jahre zurück liegt und die es nicht mal zu einer Universität, nur zu einer Technischen Hochschule gebracht hat. Die gegenseitige Wahrnehmung ist nicht nur bei Schülern restringiert.

 

 

4. Annäherung an den Wandel

Die Veränderungen des Jahres 1989, die Befreiung vom Sozialismus machen sich für die polnische Bevölkerung zunächst in einer Steigerung der ökonomischen Alltagsschwierigkeiten bemerkbar. Das Warten beim Einkauf dauert noch  länger, die polnischen Frauen werden mit der Organisation des Alltags noch mehr überlastet. (1989/64) Für die Ausländer bedeutet der Währungsverfall beim Devisentausch tageweise sich ändernde Kurse. In der Schule macht sich die Veränderung an unerwarteter Stelle bemerkbar: Die polnischen Lehrer tolerieren bei einer Schul-Diskothek ein Plakat der Schüler, das den Staatspräsidenten Jaruzelski mit Schweinerüssel zeigt (1989/63). Die deutschen Lehrer registrieren, dass in der Schule keine Demokratisierung gefordert wird, sondern die Abschaffung von Russisch als Pflichtfremdsprache: geht Nationalgefühl vor Demokratie? (1989/65) Ist die Veränderung gar ein Triumph der katholischen Kirche? (1989/66)

Eines aber bleibt: Die Schülerinnen und Schüler wie die Lehrerinnen und Lehrer, die seit 1989 bei polnischen Schülereltern bzw. Lehrern untergebracht sind, machen wieder die Erfahrung, dass bei den häuslichen Einladungen „sämtliche Vorräte des Hauses für uns Deutsche hervorgeholt werden.“(1989/38) „Auf dem Gebiet der Gastfreundschaft sind wir Deutschen unterentwickelt“, heißt es resigniert und hilflos (1990/19).

 

 

”In 12 Tagen, am 3. Oktober, heißt euer westlicher Nachbar ‘Bundesrepublik Deutschland’”, so leitet am 30. 9. 1990 ein begleitender Lehrer seine Begrüßungs- und Dankesrede in Płock ein. Das Selbstbewusstsein, auf dem richtigen Weg der Geschichte gewesen zu sein, wird artikuliert. „Zunächst einmal ist festzuhalten, dass wir mit unserer Schulpartnerschaft und den damit verbundenen zahlreichen Kontakten und Freundschaften der Politik schon immer vorausgeeilt sind.“ (1991) Die Anerkennung der polnischen Westgrenze war schon vor dem ”2 + 4 Vertrag” für die Bertolt-Brecht-Schule selbstverständlich. Gegenüber den polnischen Schülern und Kollegen distanziert man sich vorausseilend von einer im Zuge der bevorstehenden deutschen Vereinigung befürchteten nationalen Euphorie, um die in Polen vorhandenen Ängste und Zweifel hinsichtlich des größer werdenden Nachbarn im Westen zu beruhigen. Dem Transitland DDR trauert keiner nach.

 

 

Die Annäherung der Systeme ist auf der Alltagsebene nicht immer bequem. Als die Schüler bei einem Ausflug nach Warschau: „dann endlich im Hotel angekommen [waren] und [die] Zimmer beziehen durften, waren [sie] schockiert: quietschende, ausgediente Betten und Blick auf einen Hinterhof, der als Müllplatz fungierte“.(1990)  Mit dem Wegfall des West-Ost-Konfliktes fällt auch das generelle Wohlstandsgefälle Ausländer – Inländer kleiner aus:  Normalisierung. Die Freigabe der Preise in Polen bedeutete zunächst einmal eine Preiserhöhung, außerdem kam der Zloty mit dem Wegfall des Schwarzmarktes in ein ökonomisch angemesseneres Verhältnis zur DM. Allerdings bestand immer noch ein erheblicher Kaufkraftvorteil zugunsten der Devisenbesitzer. Was weiterhin bleibt, ist das polnische Verhältnis zum Gast. Beim Begrüßungsessen in der Schule sind die Tische der Gäste mit Tischdecken versehen, die der Polen nicht. Die deutschen Schüler bekommen Limo und Cola, die polnischen Tee. „Als ich meine Gastgeberin darauf ansprach, wieso wir in so großen Maßen anders behandelt wurden, bekam ich bloß zur Antwort, dass sie das Beste für uns wollten.“ „Sie sparen an sich selbst, um es uns bequem zu machen.“

 

 

Gerade die Begegnung in den Familien macht das deutlich. Das Gefühl, etwas Besseres zu sein und dies, gerade als Deutsche, nicht verdient zu haben, das sich bei manchen der vorangehenden Austauschgenerationen geradezu in Schuldbewusstsein verkehrte, setzt sich auf seltsame Weise fort.  Jetzt geben die Gasteltern den deutschen Gästen schon wieder dieses Gefühl, das sie hilflos macht. In den Familien: man darf nie nur ein Brot essen. „Ablehnen bedeutet verletzen“. (1990) Deutsche Schüler werden bedient, polnische müssen sich Essen selbst holen. Die Deutschen dürfen keinen Finger bei der Hausarbeit krümmen; die Familien räumen Zimmer, schlafen zu dritt oder viert, damit der Gast ein Zimmer für sich hat. (1990) Das Wohnzimmer dient tags als Essraum, nachts als Elternschlafzimmer. Die Gastgeberin räumt ihr Zimmer, zieht zu ihrer Schwester für die Zeit des Besuchs. (1991) Nur die gemischte Sportmannschaft ergibt ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Eine Steigerung erfährt das alles, wenn man zu einer Hochzeit eingeladen wird. Die Erfahrung ist überwältigend, die deutsche Schülerin fühlt sich im Mittelpunkt wie die Braut (1990). Ausdauer und Quantitäten verblüffen. „Es fing ganz harmlos an – mit einem ordentlichen Abendbrot am festlich gedeckten Tisch.“ Die ganze Nacht besteht aus einem andauernden Wechsel von Essen und Tanzen bis morgens um 4 Uhr. (1991)

 

[3] Nach: Xymena Dolińska / Mateusz Fałkowski: Polen und Deutschland. Gegen­seitige Wahrnehmung vor der Osterweiterung der Europä­ischen Union. Institute of Public Affairs, Warschau 2001, S. 34 u. 67.

Ab dem Jahr 1991 ist zu konstatieren, dass sich bei den deutschen Schülern die Zahl der Teilnehmer  verringert: es wird schwieriger, sie zu motivieren. Für die deutschen Schüler ist die Studienfahrt nach Polen eine Minderheitsalternative zwischen Rom, London und der Mittelmeerküste. Das Abenteuer, eine scharf gesicherte Systemgrenze zu überqueren, fällt weg; ebenso aber auch die automatische Privilegierung, die Fahrten in den „Ostblock“ für ihrer sozialen Rolle noch nicht gewisse Jugendliche so anziehend gemacht hatte. Für die polnischen Schüler war anfangs die Teilnahme an der Darmstadt- Fahrt eine Auszeichnung  (=westliches Ausland), aber seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre können auch polnische Familien es sich leisten, ihren Urlaub dort zu verbringen. Es dominieren nun praktische Gründe: Die Deutsch lernenden Schülerinnen (fast immer 90% der Teilnehmer) wollen ihre Sprachfähigkeiten trainieren, sich selbständig an den Projekten beteiligen. Für die meisten Eltern ist das ein großer finanzieller Aufwand, gerechtfertigt als Investition in die Zukunft ihrer Kinder, die der drohenden Globalisierung nicht – sprachlich – hilflos ausgesetzt werden sollen. Allerdings nehmen dann auch manchmal nicht unbedingt sprachlich befähigte Schüler teil, deren Eltern sich das aber leisten können. Diese individuellen Entscheidungen entsprechen der allgemein in Polen verbreiteten Einschätzung, nach der Deutschland das mit Abstand wichtigste Land in Europa für Polen ist. Befragungen belegen, dass das Interesse an Deutschland in Polen weitaus größer ist als umgekehrt: In Deutschland waren schon einmal 47% der Polen (gegen 31% der Deutschen), deutsche Bücher oder Filme wurden in Polen von 58% (gegen 29% in Deutschland) gesehen bzw. gelesen.[3]

Für beide Teilnehmergruppen gilt übrigens, dass die finanzielle Förderung durch das  Deutsch-polnischen Jugendwerk eine wesentliche Voraussetzung darstellt. Das materielle Gefälle zum westlichen Wohlstand gehört immer noch zu den Alltagserfahrungen der Schüler. An der Bertolt-Brecht-Schule wird daher von allen – Schülern und Lehrern – halbjährlich ein geringer Betrag eingesammelt, der die Durchführung mancher Inlandsprojekte zusätzlich absichert.

 

[4] Vgl. die homepage des Deutsch-polnischen Jugendwerkes: www.dpjw.org.

Auf Wunsch erhält man von dort Material.

[5] Vgl.: „Bericht über die Unterstützung durchreisender Polen zu Darmstadt und  Groß‑Gerau“ im „Beobachter in Hessen und bei Rhein“ am 8. Mai 1832.  Harfenklänge. Polens Erinnerungen und seinen Heimathlosen geweiht.  Zur Unterstützung heimath­loser Polen. Darmstadt 1832 – Über diese Ereignisse gibt es zahlreiche Quellen in den deutschen Archiven; vgl. das Schülerprojekt, das Walter Haupt als „archivalische Untersuchung“  mit einem Leistungskurs Geschichte der Jahrgangsstufe 12 an der Alsfelder Albert-Schweizer-Schule durchgeführt hat: Polen in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts – ein Beispiel für freundschaftliche Begegnungen in Hessen. Ms, ca. 1992

 [6] In der Münchner Ausgabe von Büchners Werken, Mün­chen: dtv 2011 8. Aufl., S. 47.

[7] Vgl. dazu: Klaus Ziemer: Das deutsche Polenbild der letzten 200 Jahre. In: Guardini-Stiftung / Hans Werner Richter-Stiftung / Hans Dieter Zimmermann (Hg.): Mythen und Stereo­typen auf beiden Seiten der Oder. Berlin: o.J. (2000), S. 9-25. – In diesem vor allem literarisch orientierten Band finden sich auch Aufsätze zu Gustav Freytag und Theodor Fontane. – Hingewiesen sei auch auf: Ewelina Kaminska: Polnische Motive im deutscher Kinder- und Jugendbuch nach 1945. Dortmund: Forschungs­stelle Ostmitteleuropa 2001. – Hasso von Zitzewitz: Das deutsche Polenbild in der Geschichte. Wien: Boehlau 1991. Gerhard Kosellek: Das Polenbild der Deutschen. Heidelberg 1989.

8] Jerzy Kochanowski: Die polnische Studentenkolonie in Darmstadt  1894‑1914. In: Wechselwirkung. Woche der Polnischen Kultur und  Wis­sen­schaft in der Bundes­republik Deutschland, 25.9. ‑ 2.10.1990. Dokumentation gemeinsamer Veranstaltungen der Politech­nika  Warszawa und der Technischen Hoch­schule Darmstadt. 1992, S. 173‑205

 [9] Vgl. Dirk Becker: Die Alma mater nährte auch den Hass. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Zeiten und Menschen, 20. 1. 2001. Weiteres Material im Archiv der TU Darmstadt.

[10] Dolińska / Fałkowski:

Polen und Deutschland, S. 6

5. Pädagogische Professionalisierung: Projektarbeit

Seit 1993 wird der Austausch vom Deutsch-polnischen Jugendwerks gefördert, in dessen Richtlinien „Gemeinsame Veranstaltungen mit Begegnungscharakter (Schüler­begegnungen)“ so definiert werden: „Austauschprogramme sowie sonstiges gemein­sames Programm mit gemeinsamen unterrichtsbezogenen Veranstaltungen über politische, gesellschaftliche, soziale, kulturelle und geschichtliche Themen, ins­besondere zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft der gegenseitigen Beziehungen und Zusammenarbeit sowie Schülerbegegnungen mit Sprachprogrammen für beide Seiten. [...] Gemeinsame Veranstaltungen zur Erweiterung des Wissens der Jugend­lichen/ jungen Erwachsenen über das Partnerland. Im Verlauf der Begegnung soll die Idee des interkulturellen Austausches besonders verwirklicht werden.“[4]

Die Form, die der Austausch seitdem genommen hat, ist die einer gemeinsamen Arbeit an einem jeweils neu festzulegenden Projekt. 1995 hieß das Thema der Projektarbeit: „Wahrnehmungen in einem fremden Land“. In Darmstadt waren Orte der Wahrnehmung: das Vivarium (ein Kleinzoo), Kunstobjekte im Landesmuseum, und „Polnische Spuren in Darmstadt“, realisiert im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt. Der Archivpädagoge legte dort zunächst deutschsprachige Quellen überraschender Art vor: Willkommensgrüße für Teilnehmer des unterdrückten Warschauer Aufstands von 1830-31. Die Flüchtlinge wurden 1832 auf der Flucht in Darmstadt demonstrativ begrüßt und mit gesammeltem Geld unterstützt.[5] (Ein Anknüpfungspunkt vielleicht zur Diskussion über Zuwanderung.)  Die Sympathie der liberalen Opposition galt im ganzen Deutschen Bund - nicht nur im Großherzogtum Hessen – den polnischen Gesinnungsgenossen. Im Großherzogtum Hessen kam dazu, dass Großherzog Ludwig II gerade in Oberhessen eine Bauernrevolte gegen zu hohe Abgaben und zu viele Zollgrenzen militärisch niedergeschlagen hatte. Ein Reflex davon findet sich noch in Georg Büchners berühmter Flugschrift „Der Hessische Landbote“: „Denkt an Södel!“[6] Auch das bekannte Bild „Georg Büchner im Polenrock“ zeigt den revolutio­nären Darmstädter Dichter im modischen „outfit“ als Sympathisanten polnischer Freiheitskämpfer. Diese positive Bewertung war eine neue Erfahrung wohl für beide Schülergruppen. Das negative Polenbild hat seine Wurzeln zwar schon im 18. Jahrhundert, wurde aber erst im Rahmen der Revolution von 1848 mit nationa­listischen Untertönen in der Nationalversammlung der Paulskirche wieder aufgenom­men.[7] Das aus der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit eher vertraute Bild einer diskriminierten Minderheit konnte an einigen Quellen aus der Frühgeschichte der TH Darmstadt untersucht werden. Lebensläufe und Zeitungsartikel in polnischer Sprache zeugten von „russischen“ d.h. mehrheitlich: polnischen Studenten jüdischen Glaubens aus dem Zarenreich an der TH vor 1914.[8] Ihre politischen, oft sozia­listischen Aktivitäten wurden von der Polizei misstrauisch beobachtet; wie in einem Fokus ließ sich das ausgesprochen schlechte, hier auch antisemitisch grundierte Verhältnis der deutschen, überwiegend korporierten Kommilitonen zu den „russischen“ an einem tragischen Fall studieren: der Ermordung des polnisch-jüdischen Studenten Alfred Weiser aus Czestochowa 1912 durch deutsche Studenten.[9]

1996 wandte sich die Projektarbeit handfesten Gegenständen zu: Abfallbeseitigung und Recycling wurde an verschiedenen Schauplätzen studiert. Das Erstaunen einiger polnischer Schüler über die arbeitsintensive Demontage gerade noch fahrbereiter Autos in solch einer Anlage in Darmstadt ließ die deutschen Schüler ahnen, wie sich die Maßstäbe für „Abfall“ verschieben können.

1997 erarbeitete die polnische Gruppe in Darmstadt das Sprachprojekt „Polnisch – Deutsch“, in dem elementare Kenntnisse des Polnischen von den Deutschen erworben wurden: Kurze Dialoge in Alltagssituationen (Fragen nach Namen, Herkunft, Uhrzeit). Im September hieß dann in Polen das Projekt: „Danzig und ‚Die Blechtrommel‘ von Günter Grass“. Mit diesem anspruchsvollen Thema kamen die Teilnehmer aber an ihre Grenzen. Trotz intensiver Vorarbeit der polnischen Gruppe, die mit einer Vorexkursion nach Danzig deutschsprachige Führungen durch Schüler an den Schauplätzen des Romans vorbereitete, blieb es sprachlich-literarisch  für die polnischen Schüler, historisch für die deutschen ein Unterfangen, das etwas über ihren Köpfen ablief.

Das nächste Projektthema wurde daher näher an Schülererfahrungen angesiedelt: 1998 hieß es in Darmstadt „Jugendprobleme“, in Płock „Was ist euch am wichtigsten im Leben?“ (Das Ergebnis schien Klischees zu bestätigen: Für die polnischen Schüler waren es Familie, Freundschaft, Liebe, für die deutschen: persönliche Freiheit.) Dieses Thema „kam gut an“, wobei die polnische Gruppe ausschließlich aus hervorragend motivierten Schwerpunktschülern mit sechs Wochenstunden Deutschunterricht bestand: eher eine Ausnahme.

Die Schwierigkeiten der Projektarbeit erklären sich daraus, dass sie in deutscher Sprache realisiert wird. Nach wie vor sind es ja die polnischen Schülerinnen und Schüler, die Deutsch lernen, und deren sprachliches Niveau nur in Ausnahmen solch anspruchsvollen historisch-literarischen Themen angemessen ist. Eine Umkehrung des Sprachaustauschs findet nicht statt. Zwar existiert an der Brecht-Schule eine Polnisch-AG, die aber nur wenig besucht wird. Ihre Ergebnisse sind für den Austausch nicht messbar. Ausnahmen sind die Schülerinnen und Schüler, die aus Aussiedlerfamilien kommen und polnische Sprachkenntnisse schon mitbringen. Der sprachliche Alltag der Begegnung vollzieht sich dann auf Deutsch, wenn die polnischen Schüler entsprechende Fähigkeiten mitbringen, sonst wird es ein interkulturelles Pidgin „Deutsch – Englisch – Hände und Füße“, das durch die unverzichtbaren Dolmetscherdienste der begleitenden polnischen Deutschlehrerin konkrete Ergebnisse mit sich bringt.

Themen, die sich mit gegenseitiger Wahrnehmung beschäftigen, sind natürlich besonders beliebt und schülernah, weil der Ausgangspunkt von jeweiligen eigenen Erfahrungen genommen werden kann. Diese „Erfahrungen“ entsprechen auch bei den Darmstädter Schülern im wesentlichen dem allgemeinen deutschen Standard, nach dem 18% der Deutschen, befragt nach Assoziationen zu Polen, antwortet: „Nichts“.[10] 

 

[11] Dies entspricht einer sehr detaillierten vergleichenden Untersuchung, die beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk angefordert werden kann: Barbara Fatyga / Bernadette Jonda / Krzystof Koseła: Jugendliche in Deutschland und in Polen. Auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Situation in beiden Ländern. Synopse ausgewählter Untersuchun­gen. Berlin: Deutsch-Polnisches Jugendwerk. November 1997.

Im Jahr  2000 war das Projektthema: „Selbstwahrnehmung in einem fremden Land“ – „Wir haben festgestellt, dass die Menschen, und vor allem die jungen Menschen in Polen sich nicht von uns oder anderen Jugendlichen in Europa unterscheiden. Sie haben die gleichen Interessen, Probleme und Ziele wie wir. Zwar ist Polen nicht so wohlhabend wie Deutschland, aber das ist auch nicht wichtig“ formulierte danach die Schülerzeitung der Bertolt-Brecht-Schule, allerdings etwas zu harmonisch. Für die deutsche Gruppe gab es in Polen neue Verunsicherungen, wenn sie auf der Straße oder an Häuserwänden Nazi-Symbolen begegnete. Überhaupt waren auch die Missstim­mungen und Schwierigkeiten größer, so dass beim polnischen Gegenbesuch in Darmstadt das Projekt „Interkulturelles Lernen“ in der Konfrontation von Erwartungen und Erfahrungen vor allem Enttäuschungen konstatierte. Die polnischen Jugendlichen vermissten Nähe und Offenheit, bemerkten Vorurteile und Unkenntnis gegenüber Polen, erfuhren in der Stadt Ignoranz und Unfreundlichkeit mancher Deutscher gegen­über Menschen mit fremder Sprache.[11]

 

[12] Dolińska / Fałkowski: Polen und Deutschland, S., 43, 45

[13] Material in: Geschichte: betrifft uns, Heft 5/1993 (Migration im 19. Jahr­hun­dert). S. auch: Anna Żarnowska: Polnische Arbeits­immigranten und ihre Organi­sationen  im Kaiserreich zwi­schen Abgrenzung und Inte­gration. In: Robert Maier /Georg Stöber (Hg.): Zwischen Abgrenzung und Assimilation – Deutsche, Polen und Juden. Schauplätze ihres Zusammen­lebens von der Zeit der Aufklä­rung bis zum Beginn  des zwei­ten Weltkrieges. Hannover 1996, S. 185-198. (Studien zur internationalen Schulbuch­forschung Bd. 88).

[14] Vgl. Ziemer, Polenbild, S. 16 f.

[15] Dolińska / Fałkowski: Polen und Deutschland, S. 25ff.

[16] Auch diese Tendenz  stimmt mit neueren Befragungen überein; vgl. Dolińska / Fałkowski: Polen und Deutschland, S. 63ff.

Im Jahr 2001 wurde das interkulturelle Lernen unter das Thema „Hoffnungen und Befürchtungen der Jugendlichen in Bezug auf die Osterweiterung der EU“ gestellt. Im Fazit wurde dieser Vorgang überwiegend positiv von beiden gesehen, doch gab es merkbare unterschiedliche Akzente. Während die polnischen Jugendlichen in dem EU-Beitritt vor allem einen Beitrag zur Friedenssicherung sahen, aber auch eine Bedrohung kultureller Traditionen und den Verlust nationaler Selbstbestimmung befürchteten, tauchten diese Motive bei den deutschen nicht auf. Sie beklagten dafür deutsche Kapitalinteressen, die sich die polnische Wirtschaft unterwerfen würden, was wiederum für die polnischen Jugendlichen wenig bedrohlich klang: „Damit entstehen doch Arbeitsplätze“. Die Bedrohung von deutschen Arbeitsplätzen durch polnische Migranten wurde geringer bewertet. Besitzen bei den Polen „Frieden“ und „Nation“ einen höheren Stellenwert als bei den Deutschen, die Frieden für selbstverständlich, nationale Identität offensichtlich für nicht so wichtig halten?

 

Die deutschen Schüler gehören mit ihren Ansichten zu den in der Regel „besser (aus)gebildeten“ 40% der Deutschen, die einer Mitgliedschaft Polens in der EU zustimmen würden. Untypisch dagegen ist der Optimismus der Darmstädter Jugend­lichen, die weder den Zufluss billiger Arbeitskräfte, die finanzielle Belastung der EU noch eine Steigerung der Kriminalitätsrate befürchten, wie dies fast die Hälfte bzw. (Kriminalität) ein Drittel der Deutschen tun.[12]

In Płock hatte das interkulturelle Projekt im Herbst 2001 den Titel „‘Der‘ Pole und ‚der‘ Deutsche in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Der Wandel von wechsel­seitigen Fremdbildern sollte untersucht werden. In einer teils Deutsch, teils Englisch geführten Debatte wurden ausführliche Wandzeitungen mit sehr differen­zierten Charakterisierungen entworfen und von den jeweiligen Gruppen dem Plenum vorgestellt. Für das zunächst positive deutsche Polenbild wurde hier Gottfried Kellers melancholisch-edler Schneider-Graf Strapinski aus der – vielen deutschen Schülern bekannten - Novelle „Kleider machen Leute“ angeführt. (Auch bei Keller übrigens wirkte reale Politik mit in die Literatur: Er war Sekretär des Züricher Provisorischen Komitees zu Unterstützung der Polen, das nach dem wiederum vergeblichen Warschauer Aufstand von 1863/64 gegründet worden war.) Die negative Wandlung des Polenbildes begann schon vor der NS-Zeit im Kaiserreich sowohl bei den Arbeitsimmigranten im rheinischen Industrierevier wie bei der Germanisie­rungspolitik in den westpreußischen Provinzen [13], hat sich durch die Ära der Vertreibungen verfestigt, bis mit der antikommunistischen Bewegung seit 1980 ein Umdenken – allerdings nur bei einer Minderheit der Deutschen – einsetzte.[14] Gegenwärtig halten sich Positives (billige, gute Arbeitskräfte) und Negatives („Polenmafia“) die Waage, bei mit beide mal deutlich herablassender Tendenz. „Rückständigkeit“ und „Religiosität“ werden am eindeutigsten in repräsentativen Untersuchungen genannt, ansonsten nehmen wohl z. Zt. die negativen Zuschreibungen (Unehrlichkeit, Erfolglosigkeit) eher ab.[15] Bei den polnischen Schülern wurde eher eine Veränderung von dem (aus dem Geschichtsunterricht oder der Familienüberlieferung) sehr negativ erinnerten „brutalen Deutschen“ der Weltkriegszeit zu einer manchmal idealisierten, freundlichen und freien Deutschen der Gegenwart festgestellt.[16]

 

 

Die Mischung aus interkulturellem Projekt und nach wie vor enthaltenen kultur­historischen Besichtigungen wurde von den Jugendlichen sehr gegensätzlich beurteilt. Der „Bildungs“teil  wurde von manchen deutschen als zu ausführlich empfunden, während die polnischen Jugendlichen den Wunsch nach Berücksichtigung von mehr sozialen „Problemzonen“ der Gegenwart z. T. sarkastisch konterten. Hier brach ein kulturell gegensätzliches Verständnis der Rollen von Gast und Gastgeber auf. In Polen: Was man selbst über seine Gesellschaft weiß, will man dem Gast nicht unbedingt alles zeigen. In Deutschland: Alles ist offen und zugänglich, guckt hin, aber ich will meine Freiheit wahren.

 

[17] Thomas Schneider: „Stichwort Europa: Jugendaustausch“. Kafka, Heft 4/2001, S. 68

6. Ertrag und Zukunft

Der deutsch-polnische Jugendaustausch ist einmal mit den hohen Begriffen „Völker­verständigung“ und „Versöhnung“ politisch begründet worden. Damit können viele Jugendliche „heute allerdings wenig [...] anfangen.“ Die meistgenannten Motive für die Teilnahme an einem Austausch „seien ‚Spaß haben‘ und ‚neue Leute kennen lernen.‘“ So fasst „Kafka“, die von Inter Nationes herausgegebene „Zeitschrift für Mitteleuropa“ den gegenwärtigen Stand auch des deutsch-polnischen Jugendaustauschs zusam­men.[17] Das ist so richtig wie die Feststellung, dass in „Polen, Ungarn oder der Tschechischen Republik wesentlich mehr Jugendliche Interesse an einem Aufenthalt in Deutschland oder Österreich [haben] als das umgekehrt der Fall ist.“  Wird damit ein Zeitalter der neuen Oberflächlichkeit eingeleitet? -  Einige Antworten in einem an der Bertolt-Brecht-Schule nach der letzten Austauschfahrt 2001 verteilten Fragebogen lassen doch tiefer sehen. Hier einige Beispiele:

 

 

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn sie an die Wochen des Austauschs zurückdenken? – Neues (Menschen, Kultur) kennen lernen – Kann mir nicht vorstellen, wie meine Austauschpartnerin zu leben.

Was hat Sie in Polen am meisten

erstaunt:  die unterschiedliche Auffassung von Gastfreundschaft: Bedienung statt Behandlung wie ein Familienmitglied; Herzlichkeit der Menschen;

entsetzt: Armut, unkontrollierte Industrie, westliche Einflüsse; aggressive Jugendliche;

erfreut: große Offenheit und Neugier; Freundlichkeit; dass Jugendliche immer irgend­wie zusammenfinden;

Was fanden sie im Umgang mit Ihren polnischen Gästen/Gastgebern (und ihren Familien) kompliziert –

Verständigung mit Gastgebern (Eltern), konnten kein Deutsch, kein Englisch; vor allem finde ich, haben sie sich zu sehr auf mich konzentriert und nicht ihren Alltag gelebt wie sonst; vielleicht, dass ich meine gewohnten Freiheiten der Familie angepasst habe;

Welches Bild (welcher optische Eindruck) steht vor Ihrem „inneren Auge“, wenn Sie an den Austausch denken? (Augen schließen und losschreiben!) –

Das Bild der melancholischen Landschaft, der traurige Blick der Leute (in Płock), zerfallene Häuser, repräsentative, modernisierte Innenstädte; mich hat das Städtebild sehr erstaunt, auf der einen Seite das neueste Einkaufscenter und nebendran eine Ruine, irgendein uraltes Haus; ich habe auch oft Leute in Designerklamotten aus einer Bruchbude kommen sehen, ich hatte das Gefühl, sie leben in 2 Welten.

 

[18] Dolińska / Fałkowski:

 Polen und Deutschland, S. 12, 36.

[19] www.dpjw.org.

[20] So sind die „Informa­tionen zur politischen Bildung“ zu Polen  (Anm. 2) gerade erst im Jahr 2001 erschienen wie auch der Materialband „Deutschland und Polen im 20. Jahr­hundert“, Analysen, Quellen, didaktische Hinweise, hg. von Ursula A. J. Becher / Włodzimierz Borodziej /Robert Maier als Bd. 82c der Studien zur internationalen Schulbuchforschung,  Han­nover 2001. Beim Klett-Verlag gibt es von Enno Mayer hg.: Deutschland und Polen – eine europäische Nachbarschaft im Zeitalter des Nationalitätsprinzips (Reihe Tempora). Stuttgart 1989 (Neudruck: 1999); und beim verdienstvollen Wochen­schau-Verlag ein Themenheft „Nachbar Polen“.

[21] ÖRechberg-Gymnasium Donzdorf, 1998

[22] ÖMarienschule Offenbach, 2001

[23] Annegret Ehmann /Wolf Kaiser u.a. (Hg.): Praxis der Gedenkstättenpädagogik. Erfahrungen und Perspektiven. Opladen 1995.

[24] Andres Kraus: Selbsterfahrung und politisches Lernen. In: Ehmann / Kaiser, Gedenkstättenpädagogik, S. 216-238.

[25] Vgl. Andrea de Groot / Heinrich Pingel-Rollmann: “Den Mechanismus erkennen und dagegen etwas tun...“ Eine Klassenfahrt nach Auschwitz und Krakau. In: Internationale Schulbuchforschung 22/ 2000, S. 155-168; Die Autoren haben ihr Projekt integriert in ein Comenius-gefördertes Internet Projekt „Europäische Migra­tion, Minderheiten und Vorur­teile“, siehe auf der Homepage des Berufskollegs Herford: www.wnb-herford.de/

[26] Andreas Kraus: Polnische-deutsche Schülerbegegnung in Auschwitz. In: Ehmann / Kaiser, Gedenkstätten­pädagogik, S.194-204; hier: S. 201 f.

[27] Gerd Steffens: Die Gegenwart von Auschwitz. Zum pädagogischen Umgang mit der Realität des Unglaub­lichen. In: Jahrbuch Pädagogik 1995, S. 73-84; hier: S. 79, 82 – Vgl. auch Deutsch-Polnisches Jugendwerk (Hg.): Begegnung und gemeinsames Lernen in Auschwitz.. Ist das möglich? Potsdam – Warszawa 1996.

Äußerungen der polnischen Teilnehmer gehen in die gleiche Richtung: man ist sich näher gekommen, hat Freunde gewonnen („mit meiner deutsche Gastgeberin habe ich bis heute engen Kontakt, wir schicken einander oft e-mails und SMS“), sich über die Arroganz einiger deutscher Schüler geärgert,  und darüber, dass manche Gastgeber sich ihren Gästen zu wenig widmeten, und sich auch weniger Mühe als die Polen gaben bei der Vorbereitung von Stadtführungen. Man hat das Polen-Institut in Darmstadt besucht und seine Deutschkenntnisse verbessert („vor der Fahrt hatte ich große Angst, ob ich mit meinem Deutsch zurecht komme, aber an Ort und Stelle war ich stolz, meine Deutschkenntnisse wurden sogar gelobt“), allerdings auch erfahren, dass manche Deutsche in Gaststätten gar nicht freundlich reagierten, wenn sie die polnische Sprache hörten.

Ist das die Zukunft des Austauschs: Normalität, wie mit Frankreich, England, Italien, den USA? Man könnte es meinen.  Das Internat in Płock  ist jetzt hell, freundlich und wohnlich renoviert, was aber auch damit zu tun hat, dass das Jagiellonen-Gymnasium um Schüler werben muss. Die polnische Schullandschaft wird umstrukturiert, die Oberstufen der Gymnasien („Liceum“) konkurrieren miteinander und mit privaten Schulen. Das Angebot eines Schüleraustauschs mit Deutschland kann ein Argument für die Wahl einer Schule sein. Kann man sich in Deutschland vorstellen, dass die Tatsache eines deutsch-polnischen Austauschs Rang oder Attraktivität einer deutschen Schule in dem Maße erhöht wie die eines Austauschs mit England, USA oder Australien (was es ja vielfach schon gibt)? „Urlaub“ und „Studienfahrt“ sind zwar nach kulturamtlicher Definition nicht identisch, wohl aber sind sie es vielfach im Bewusstsein der deutschen Schüler. Daher mögen folgende zwar unpädagogischen, aber nicht unrealistischen Befragungsergebnisse hier eingefügt werden: nur 16% der Deutschen verbinden ihre Vorstellung von „Urlaub“ mit Polen, nur 33% äußern ein (vielleicht durch die Frage erst gewecktes) Interesse daran, nach Polen in Urlaub zu fahren.[18]

Die steigenden Zahlen des Deutsch-polnischen Jugendwerks stimmen zwar opti­mistisch: „Im ersten Jahr unserer Tätigkeit [1993] waren es insgesamt 46.400 junge Deutsche und Polen, die an den Austauschprogrammen teilgenommen haben, 2000 waren es 133.323.“[19] Doch es dürfte nicht nur an der Attraktivität der dominanten anglo-amerikanischen (Jugend)Kulturen liegen, die die endlich „im Westen“ angekommenen Deutschen lieber dorthin blicken und reisen lässt. Eine Fahrt nach Polen verlangt immer eine besondere Vorbereitung, weil ja kaum Kenntnisse vorhanden sind. Geeignete Materialien zu Vorbereitung – wenn man die Geschichte der deutschen Besetzung nach 1939 einmal ausnimmt – sind immer noch spärlich vorhanden, eher bei Spezialinstitutionen wie dem „Deutsch-Polnischen Jugendwerk“, dem Deutschen Polen-Institut in Darmstadt oder dem Georg-Eckert-Institut als bei normalen Schulbuchverlagen.[20]

 

Das liegt sicher auch daran, dass jahrzehntelang Schulfahrten nach Polen primär Fahrten in die NS-Vergangenheit waren. Nun hat aber für die gegenwärtigen Schüler­generationen Auschwitz und das, wofür es steht, nicht mehr allein die vergangen­heitsbewusste – eben: seiner selbst bewusste -  Anziehungskraft, wie für die ersten „Generationen“ der siebziger und achtziger Jahre. Im Internet abrufbare Berichte anderer Schulen über Austauschfahrten nach Polen bestätigen unsere Eindrücke. Die „völkerverbindende Begegnung Jugendlicher zweier immer noch verschiedener ‚Welten‘" steht im Mittelpunkt [21], wobei „Frömmigkeit und Armut [...] und die polnische Kultur“ [22] ebenso nachdrücklich erwähnt werden wie die Besuche in Auschwitz. Die Fahrten sind in der Regel gut vorbereitet, gibt es mittlerweile doch eine eigene „Gedenkstättenpädagogik“, die mit psychologisch differenzierten Methoden über den bloß kognitiven Zugang zur Geschichte an diesen authentischen außerschulischen Lernorten hinauswill.[23] Ob die Einstimmung in die Empathie für die Opfer des Holocaust mit Hilfe von Planspielen [24], mit Hilfe von Zeitzeugen oder mit dem Studium von Archivmaterial geschieht, durch das ein direkter regionalgeschichtlicher Bezug vom Heimatort zu Auschwitz hergestellt werden kann [25],: immer ist das Ziel auch ein politisch-moralisches Lernen, das auf zukünftige Lebenssituationen der Jugendlichen abzielt. Auschwitz ist dann nicht „historischer Stoff“, sondern ein „gemeinsamer Untersuchungsgegenstand“, dessen Thema die Bewusstwerdung für „die Gefahr eines Umschlags [...] von Modernisierung in die deutsche Sensibilität für die deutsche NS-Vergangenheit unter Umständen mit einer andersgearteten polnischen in Kongruenz gebracht werden“ muss. Vielfach neigen polnische Jugendliche dazu, „Auschwitz in die Vergangenheit zu verbannen“, während die deutschen Jugendlichen aus Abwehr in „Negativ-Reaktionen“ verfallen können: völlige Indifferenz, Überidentifikation oder „Bedürfnis nach Gruseleffekten“.[26] Die Tröstungen polnischer Jugendlicher an deutsche: „Ihr seid es doch nicht gewesen“, mögen ihnen nicht helfen, das „Rätsel“ Auschwitz zu deuten, das doch bei aller Abwehr „die Verlässlichkeit ihrer [der Jugendlichen] Lebensorientierung berührt“. Sie sind doch die Nachkommen der Täter, während die polnischen Jugendlichen sich nicht mehr als Opfer begreifen wollen, oder sogar diese Rolle auf die historischen Kontakte und Unterdrückungserfahrungen mit Russland verschieben.[27] Für deutsche Teilnehmer an solch einem Austausch bedarf keiner irgendwie künstlich konstruierten „Moralkeule“ (Martin Walser), um ein anderes Bewusstsein zu wecken. Es genügt, wie bei unserem diesjährigen Unternehmen, z. B. ein Besuch mit den polnischen Gästen in der Berliner Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“, um auf dem Weg von Berlin nach Polen historisches Bewusstsein zu bilden.

Es sieht so aus, dass jeder deutsch-polnische Schüleraustausch auch in den nächsten Jahren viel Anstrengung erfordern wird: eine Pflanze, die man mit großem Aufwand pflegen muss, wenn man will, dass sie aufblüht. Auch wenn man es wünschen mag: Selbstverständlich wird im deutsch-polnischen Verhältnis noch lange nichts sein, da sind (mindestens) 200 Jahre Geschichte davor.

 

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